14.03.2026 Jerash Rain Bow | ᐸ ᐳ ᐱ |
Während wir die 45 Kilometer in Richtung Norden fahren, textet ihn immer jemand an. Er soll seine Automiete bezahlen, sagt er, kann es aber zur Zeit nicht. Kaum jemand bucht ihn, auch im Taxigewerbe bleiben die Leute weg. Von daher wäre es ein Glücksfall, dass er mich gestern am Busbahnhof abgefangen hat. So hat er heute wenigstens eine Fahrt. Er würde natürlich gerne viel mehr mit mir machen und zählt alles Sehenswerte auf. Nur an all diesen Gegenden bin ich schon zu Fuß gewesen. Ich stelle immer mehr fest, dass Jordaniens Kultur und Leben sich auf einem Schmalen Grad entlang des Jordantals und auf den Anhöhen befindet. Weiter nach Osten kommt faktisch nichts mehr, außer Wüste. Auch gestern auf der Autobahn konnte ich es die ganze Strecke über beobachten. Auf Streetmaps kann man sehen, dass es noch vereinzelte Ortschaften gibt, um welche hunderte, kreisrunde, bewässerte Felder angelegt wurden.
Jerash ist eine mittelgroße Stadt, die sich 40 Kilometer nördlich von Amman ich um eine archäologische Stätte herum erstreckt. Es ist nach Petra die am zweithäufigsten besuchte Stätte Jordaniens. Das heißt zur Zeit auch hier nichts. Ich bin morgens um 10 Uhr alleine auf dem Gelände und muss im Eingangsbereich ebenfalls einen Spießrutenlauf durch die immer gleichartigen Läden machen. Eins muss ich feststellen: die Leute haben es perfektioniert, mich in eine Leistungsfalle zu bringen. Es wirkt, als helfen sie dir, bis du merkst, dass die Hilfe gar nicht enden will. Schließlich kommt eine verschüchtert gespielte Aufforderung etwas zu geben. Selfie machen lassen artet zur Fotosession aus. "10 JD is okay." Leck mich. Ich lasse es drauf ankommen und gebe nichts. Es fing damit an, dass er nur ganz kurz mein Handy haben wollte, um mir etwas zu zeigen. Und dann stehe ich da wie blöde und die Erkenntnis wächst, dass ich geködert wurde für vermeintlich professionelle Fotos. Das mache ich nicht mit. Das wollte ich nicht. Er kriegt nichts, ist sauer und geht weg. Aber das Gefühl in mir ist natürlich schlecht und ich wurde gut getriggert.
Das Areal ist groß und bietet eine Stätte einer antiken Stadt, die ebenso beeindruckend erhalten ist wie Umm Qais und es beeindruckt mich sehr, wie die alten Straßenzüge erhalten sind, mit Zebrastreifen und Gullideckeln, die sogar manchmal noch eiserne Haken zum Anheben montiert haben. Drei Stunden schlendere ich alleine durch das Areal Vieles ist griechischem Ursprungs nach Alexander dem Großen entstanden. Der Raps blüht und es duftet entsprechend intensiv. Ein tolles Bild, die Regelwolken und der Raps, dazwischen die Ruinen. Eine ganz andere Stimmung offenbart sich, wenn nicht die sonst typsichen, sandfarbenen Töne im Süden bzw. im Mai das Farbbild bestimmen.
Hmmm... wie wohl Buderus-Gullideckel in 2000 Jahren aussehen werden, frage ich mich. Es gibt sogar zwei Theater und das Herzstück, ein ovaler mit Säulen umrahmter Platz. Im Süstheater höre ich Dudelsackmusik und Getrommel und es zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. In der Mitte des Theaters liegt ein Fell und eine auffällige, weiße Kiste. Was ist das?..... Ich hätte mal nicht neugierig sein sollen. Kaum bin ich im Zentrum des Theaters bei der Kiste, kommen wie auf Knopfdruck aus einem zweiten Eingang zwei Tourifänger mit besagter Trommel und Instrument heraus und fangen an "Just for me" zu spielen. Sie fixieren mich regelrecht. Sie spielen irgendwelche Dudelsackgassenhauer und zeigen fortlaufend auf eine weiße Box, auf der "Tips" steht. "Welcome! Only 10 JD, my german friend!" Ich könnte kotzen. Das merkt auch der Himmel und schickt unvermittelt einen Platzregen. Die beiden flüchten und ich kann durch einen Hinterausgang entkommen in Richtung Artemistempel. 12 beeindruckende Säulen stehen dort. In einer Nische hockt ein Edelsteinverkäufer in einem kleinen Zelt und bittet mich herein. Ich will nichts!, sage ich bestimmt. Das macht nichts, antwortet er. "Not a great job here in war Times" sagt er und lacht. Er verkauft mir ja wirklich nichts. Ich sitze 10 Minuten unter seiner Plane und spiele mit seinen Halbedelsteinen herum. Er lässt mich in Ruhe. Tatsächlich fesselt etwas meine Aufmerksamkeit: eine Mondsteinkugel. "What you like" sagt er, als ich frage, was sie kosten soll. Ich bin schockverliebt und muss sie haben und drücke dem Kerl 10 JD in die Hand. Er freut sich. Und ich freue mich. Dann zeigt er mir noch, dass die Säulen am Tempel permanent in Bewegung sind. Er steckt einen Löffel zwischen die Fugen, der sich langsam auf und nieder bewegt. Selbst wenn man einen Finger in die Ritze steckt, fühlt man es. "Have no fear, I am working here for 20 years now!" sagt er.
Gegen zwei Uhr geht es zurück zum Hotel. Auf der Rückfahrt fängt es dann schließlich an Bindfäden zu regnen und hört bis abends nicht mehr auf. Zeit, einfach mal im Hotel zu bleiben und garnichts zu machen. Leider häulen die Sirenen drei Mal und es donnert laut. Es könnte auch Gewitter sein bei dem Regen, so schallt es von allen seiten hin und her. Leider weiß ich, dass es keines ist. Wie sehr ich mich in zwei Wochen an die Geräusche gewöhnt habe, ist erschreckend und ernüchternd zugleich. Etwas in mir sagt, dass mir das nicht so gleichgültig sein sollte.
Es wird langsam dunkel. Hier jetzt nur rumzuhängen, habe ich keine Lust und gehe nochmal raus und halte mir ein Taxi an. Ich möchte die vermeintlich sagenumwogene Rainbow Street gerne sehen, die Krämerbrücke Ammans, das Portobello Jordaniens, das Holländerviertel des Ostens... oder so. Es regnet weiter in Strömen. Die Straße soll bunt erleuchtet sein, dann habe ich wenigstens coole Reflektionen. Das Taxi hält an einer Ecke. Hier soll das sein? Joa, da steht Rainbow St. Ich habe aber gelesen, dass der Ursprung des Namens auf das Rainbow Cinema zurückgeht, das hier in den 70ern war. Das war ein Spitznamey der irgendwann damm tatsächlich dazu führte, dass die ursprüngliche Abu Bakr al-Siddiq Straße umbenannt wurde. Die Straße wird aber erst auf den dritten Blick interessant. Es funkelt in allen Farben, die schreckliche LED Gierlanden mit defekten Trafos so hergeben. Aber es gibt eben ein paar spannende Läden und Hotspot-Restaurants, wo es jetzt um 18:30 alle möglichen Leute hinzieht. Bestimmte Restaurants sind gerammelt voll mit Leuten, die vor leeren Tellern sitzen und sich unterhalten. Wir wird dann auch schnell klar warum. Sie haben sich schonmal einen Sitzplatz ergattert, müssen mit dem Essen aber warten, bis 18:52 Uhr ist und Allah gerufen wird. Ramadan Kareem Buffets werden überall vorbereitet. 9.99 JD kostet es überall. Ich geselle mich im "Crazy House" zu der wartenden Gemeinschaft. Hab Hunger ohne Ende. Dann ist es soweit. Der Muezzin ruft den Allerheiligsten mit den 99 Namen endlich an. Wie nach einem Startschuss stehen alle auf, um das Buffet zu plündern. Es gibt alles, was die jordanische Küche hergibt in Mengen und jeder haut sich Berge von Essen auf die Teller. Das scheint bei Ramadan also eine Art Tradition zu sein, so essen zu gehen mit der ganzen Familie. Ich sitze wieder wie ein Alien mittendrin und genieße tatsächlich ein wenig die herzliche Aufmerksamkeit. Alles an Essen wird mir erklärt, auch wenn es nur griechischer Salat ist. Dabei gibt's Limo. Ich bin ja eigentlich ein zuckersüßer Zahn, aber dieses Konzentrat musste selbst ich mit 500ml Wasser verdünnen. Wie bekommen die das unter. Irgendwann leeren sich die Teller und die Luft füllt sich mit dem süßen Qualm der Shishas. Ich bin herrlich satt und ziehe mal weiter hinaus in die Nässe.
Mir ist nach Wärme und in unmittelbarer Nähe der Rainbow Lane soll es ein traditionelles türkisches Bad geben. Und tatsächlich. In einer Nebenstraße zeigt sich ein versteckter Eingang. Es ist das älteste Bad Ammans. Seit über 40 Jahren gehen vor allem Einheimische hierhin. Aber es ist nicht ganz das, was ich erwarte, wenn ich in die Sauna möchte. Zunächst bekomme ich eine Menükarte, bei der ich ein Paket buchen kann. Dann werde ich von einem Guide die ganze Zeit begleitet. Er schickt mich in die Umkleide, gibt mir eine Einmalhose. Weiter geht's in den Baderaum im Stile einer Crypta. Dort soll ich mich in ein heißes Bad setzen und bekomme Jasmintee gereicht. 15 Minuten später werde ich hinaus gebeten, um ins Dampfbad zu gehen. Ein zweiter Mann wird etwa 5 Minuten später hineingeschickt. Wir sind etwas irritiert über die Führung, aber das scheint hier klassisches Vorgehen zu sein. Wir kommen ins Gespräch. Er heißt Fadi, ist gebürtiger Jordanier, lebt aber zum Arbeiten in Dubai und ist gerade auf Familienbesuch. Die Eltern machen sich wegen des Kriega große Sorgen um ihn. Er solle doch ein Geschäft hier in Jordanien führen, nicht mehr drüben. Bevor wir weiterreden können, werde ich als nächstes in die Sauna gebeten. Dann sitze ich da. 5 Minuten später kommt Fadi nach. Er liebt Jordanien und würde gerne zurück kommen, sagt er. Wer weiß, wie lange der Krieg noch dauern wird. Alles deutet auf den befürchteten Flächenbrand hin.
Ich werde hinaus gebeten zum Duschen. Danach kommt die Massage..Massage?! Oh Gott, das wird meine erste Massage werden. Ein Mann schrubbt mich ab. Danach knetet er auf meinen Muskeln von Kopf bis Fuß herum. Entspannen kann ich mich nicht, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich bin auch nicht sonderlich verspannt, meint er. Hm, das liegt wohl an der Wanderung. Aber es fühlt sich dennoch gut an. Das war's. Danach ab in die Umkleiden und nach einer Stunde bin ich wieder raus und bekomme noch einen Tee im zugehörigen Restaurant. Das war mal ein Speeddating. Fadi kommt hinterher. Danach ist Frauenrunde.
Wir beide verstehen uns ziemlich gut. Wir sind im selben Alter, er liebt wandern und war gerade in Nepal unterwegs, an außerdem hat er exakt den selben Studiengang wie ich studiert: "IT-Management and Information Systems". Selbst Paderborn ist ihm ein Begriff, wegen Diebold Nixdorf. Beruflich ist er zweigleisig unterwegs. Zum einen in seinem studierten Jobs, zum anderen betreibt er Tabakläden. Wir beschließen den Tag in einer Shisha Bar ausklingen zu lassen. Er mit Shisha, ich mit Minzsmoothie, dazu arabische Volkslieder, die ein Musiker extra für uns anstimmt. Wir sind die einzigen Gäste um die Zeit. Wenn man in Jordanien als junger Künstler ernst genommen werden will, muss man erstmal mit ägyptischen Akzent singen lernen, sagt er. Dann hat man im arabischen Raum eine Chance. Ich höre nur einen Haufen Frasierungen und wenig Melodie. Er kennt es nicht anders. Er hat heute nichts mehr zu tun und so quatschen wir, bis die Bar schließlich um 0 Uhr dicht macht. Und er bringt mir bei welches Trinkgeld eigentlich so angemessen ist, aber auch wie schwierig es ist, abseits der gängigen Norm in Jordanien zu leben, gerade auf dem Land. Draußen donnert es nach dem langen Regen. Und dieses Mal ist es wirklich Blitz und Donner. Er hat gerade das Auto seines Bruders und fährt mich sogar noch zurück zum Hotel. Eine tolle,. unerwartete Erfahrung, der ganze Abend.
