Jordan Trail - darab al'urdunu - درب الأردن

12.03.2026 Petra

  

Gegen drei Uhr wache ich auf und habe höllische Kopfschmerzen. Ich gähne laufend, meine Augen tränen und ich bekomme Würgereize. Wenn ich nicht gerade Kohlenmonoxyd eingeathmet habe, zeigt mein Körper mehr als deutlich an, dass die letzten zwei Tage zuviel waren. Meine körperliche Empfindung ist eine einzige Reizüberflutung, gerade in den Beinen, Füßen und Schultern. Mit Ibuprofen und Wasser bewaffnet stelle ich mich draußen vor meine Spacebubble. Frieren hilft mir tatsächlich bei sowas. Oder Sauna. Die ist aber gerade nicht griffbereit. Nach 10 Minuten merke ich wie der Schmerz langsam der wohligen Betäubung des billigen aber verlässlich wirkenden Schmerzmittels weicht, mittels dessen ich zum Glück wieder ein- und durchschlafen kann, bis mich um 8 Uhr schließlich die Sonne weckt.
Alles fühlt sich wieder normal an. Heute ist Zieleinlauf, der sich auf einer Länge von 12 Kilometern ausgehend von der sogenannten "Hintertür" bis direkt nach Petra hinein zieht. Nahe meiner Unterkunft ist ein neues, groß angelegtes Besucherzentrum gebaut worden, in der ich die Eintrittskarte für Petra kaufen kann... für gnadenlose 50 JD. Niemand ist hier, abgesehen von zwei Verkäufern von Touriklimbim und den Angestellten. Eigentlich sollten in Petra täglich um die 4000 Besucher abgefertigt werden. 2023 wurde eine Besucherspitze von 1,17 Millionen Besuchern erreicht. Ich bin heute Nummer Drei.
Der letzte Abschnitt meines Wegs beginnt bei Little Petra und führt links ab in die felsige Sandsteinlandschaft hinein, die mich die letzten Tage schon begleitet hat. Ein Mensch reitet auf einem Esel auf mich zu. Ob ich Esel reiten will. Will ich nicht. Er wird nicht der letzte Angestellte mit diesem Angebot werden. Der Weg führt vorbei an einer alten Ruinen und vielen von Menschenhand in den Fels gehauenen Höhlen, bis es schließlich auf einem extrem gut ausgebauten Weg hinein in die Felsen geht. Auch hier ist alles auf Besucherströme ausgelegt, die nicht kommen. Verpflegungsstationen für Kaffee und Getränke wurden im Stile von Beduinenzelten für Besucher gebaut, jedoch verlassen und verschlossen. Je näher ich Petra komme, desto mehr gleicht der Weg einem großen Basar, in dem der immer gleiche Andenkenplunder verkauft werden soll. Niemand beaufsichtigt sie. Die Sachen liegen einfach so da. Nach 6 Kilometern erreiche ich das Kloster Ad Deir.
Ein paar Guides sitzen bei ihren Eseln herum und schauen scrollen gelangweilt durch irgendwelche Reels auf ihren Handys. Niemand ist hier. Und so bekomme ich ein vielstimmiges Welcome von allen. Ich soll ihre Esel reiten, oder zumindest den Rucksack drauflegen oder sonstwas. Ich winke ab und werde zum Glück in Ruhe gelassen, sodass ich die gewaltige Front des Klosters auf mich wirken lassen kann und setze mich mit zwei Kaltgetränken eines Kiosks in den Farben Blau (Limone Minze) und Pink (Erdbeere) mitsamt einer anschmiegsamen Katze auf eine der vielen Holzbänke, die für Besucher aufgestellt wurden. Ich hätte nicht gedacht, dass es so groß ist. Es ist beeindruckend groß. Einer der Guides, der nur noch zwei goldene Zähne im Mund hat, die dafür da zu sein scheinen eine Zigarette zu halten, bietet mir an mich zu fotografieren. Das gerne. Er versteht nicht, warum ich soweit weg sein will. Damit das Größenverhältnis klar wird, sage ich.
Und weil gerade keiner hier ist, würde er mit mir auch auf das Bauwerk klettern für ein Trinkgeld. Von mir aus... Wir steigen über einen Zaun, über den man nicht steigen sollte... steht da jedenfalls... und steigen entlang der linken Flanke bis hinauf zur Spitze. Von hier oben hätte man einen fantastischen Blick sagt er. Hmmm... naja, auf den Kiosk 30 Meter unter mir vielleicht. Aber hey. Voll special und forbidden, dieser Blickwinkel. Diese Bilder kommen definitiv in meine Limited Edition Sammelbox. Dann kommen doch ein paar Belgierinnen von Petra aus her und wollen mit einem sichtlich hochbemühten Guide ebenfalls zu mir hoch, als sie mich auf dem Dach des Klosters erblicken. Ihr Guide holt für sie alles raus, was geht. Selfies, geschossen von der Spitze des Felsengebäudes mit Klettereinlagen à la Tarzan. Ich höre nur "oh my gosh, my phone!" von den Mädels.
Ich selbst möchte weiter zur Hauptstätte, die rechts ab durch eine enge Schlucht hinab ins Tal erreicht wird. Dutzende Tantläden reihen sich rechts und links an den Weg. Die meisten sind verbarrikadiert mangels Besucher. An ein paar wenigen Ständen sitzen Frauen und wittern ein Geschäft mit immer den gleichen, einstudiert wirkenden Worten: "Hello sir, I was waiting just for you! Want to buy something? Everything 1 JD today. Please, help 25 families with your purchase. No business today, sir. Bad times. No people. Please help us." Bei einer Bude lasse ich mich drauf ein. Von wegen alles 1 JD. Aber die Verhandlungsspanne ist gewaltig. Im Grunde wird hier all das verkauft, was ich letztes Jahr nahe Madaba in dem Großhandel schon gesehen habe, nur zehn mal teurer. Ich kaufe also schließlich einen Anhänger für 2 JD, der eigentlich 20 kosten sollte. Trotzdem tut es mir etwas leid. Das Geschäftsmodell funktioniert hier zu Zeit hinten und vorne nicht. Dutzende Male muss ich ignorierend an den immer gleichartig flehenden VerkäuferInnen mit den immer gleichen Ständen vorbeigehen, bis ich schließlich in der Talsohle ankomme und den Main Trail zur Felsenstadt antreten kann. Irgendwie jedenfalls. Mindestens 10 mal soll ich auf Pferde oder Esel steigen für nur 10 JD. Drei vier weitere Touristen sind auf dem Weg über die alte Römerstraße zur Hauptattraktion. Es hat ein bisschen was vom Zieleinlauf zur Kathedrale von Santiago, muss ich zugeben. Die Schlucht wird enger und enger, bis ich schließlich unvermittelt vor dem Khazne al-Firaun stehe.
Das ist es also. Das Ziel meiner diesjährigen Etappe. Ein Weltkulturerbe. Ein Weltwunder. Ein Souvenirshop, aus dem der Angestellte herauskommt und auf meine Sandalen zeigt. Er möchte sie gegen seine Schuhe eintauschen. Er meint es ernst. Ich blinzle ihm direkt in die Augen und sagen ein so eindrucksvolles "No sir", dass er etwas entgeistert wieder umdreht. Keine Touristen kann auch anstrengend sein, wenn wirklich ALLE deine Scheine haben sollen für irgendwas oder irgendwie deine Aufmerksamkeit erregen wollen.
Hier wurde also Indiana Jones 3 gedreht. Vor dem Eingang zum "Heiligen Grahl" sitzt ein Dromedar und sein gelangweilter Besitzer und will Fotos machen. Okay. Dieses monumentale Bild gönne ich mir für lächerliche 25 JD. Ich als Bezwinger des Jordan Trails wider aller Umstände hoch oben auf einem Dromedar vor dem Monument, das vor 2000 Jahren für mich, für diesen epochalen Moment, errichtet wurde:


Künstlerische Pause untermalt mit einer heroischen Fanfare:



Aaach, das war es mir wert. Ich könnte ewig so sitzen in meiner royalen... Nanu, warum bewege ich mich hier oben so unkontrolliert?! Mein Dromedar kackt. Ein Mann mit neongelber Weste kommt sofort aus einer Ecke und macht die runden, dunkelbraunen Murmeln wieder weg für den nächsten Gast, der solch ein Bild haben will. Aber es ist keiner mehr da kurz vor 16 Uhr. Der Verkäufer hat schon wieder Lunte an mir gerochen und will mein Guide werden und mich auf eine höher gelegene Plattform begleiten für einen unique View. Nur 10 JD! Jetzt reicht es. Ich will weg. Ich gehe durch die Schlucht, durch die man eigentlich eintritt, heraus. Ich bin schließlich durch die Hintertür gekommen, wodurch ich das Hauptmonument dramaturgisch korrekt als letztes gesehen habe. Aber mein Ticket hat auch morgen noch Gültigkeit, also will ich erstmal eine Bleibe suchen. Am Ende der langen Schlucht soll ich dann noch ein Pferdetaxi nehmen für den letzten Kilometer bis zum Eingang. "For free!" Tatsächlich heißt es auf meiner Eintrittskarte, dass es inbegriffen ist. Also komm, dann das Karussell gönn ich mir auch noch. Auf dem Weg zum Haupteingang eröffnet mir mein Pferdeflüsterer dann schließlich, dass er mit einem kleinen Trinkgeld vollkommen zufrieden ist. "From the heart, 20 JD perhaps. Or dollars. That's okay, too." Ich gebe ihm 5 JD from the very bottom of my heart und sage ihm, dass ich für 20 JD zweimal die 300 Kilometer von Petra nach Amman fahren kann. Der hat sie nicht alle. 100 JD bin ich alles in allem in kürzester Zeit losgeworden hier, trotz aller Abwiegelei. Hier in Petra ist alles auf bezahlenden Massentourismus ausgelegt, die Preise aber auch die Mentalität der Leute. Aber es ist kalt kein Mensch hier und so konzentriert sich alles auf mich. Auch der Ort Wadi Musa, der an Petra abgrenzt, ist komplett ausgestorben. Ich gehe noch ins Petra Museum, das einen kurzen Überblick über die Geschichte und die Entdeckung Petras aufklärt, um dann endlich ein Hotel zu suchen. Alle sprechen mich an. Jeder will was von mir und ich biege irgendwo hin ab, um mal einen klaren Gedanken zu bekommen und das Internet zu konsultieren. In einer Nebenstraße finde ich schließlich das, was ich suche: ein kleines Appartment für 30 JD inkl. Frühstück. Der Gastgeber Habib ist nett. In seinem Restaurant kommen wir ins Gespräch und er erklärt mir, wie am 28.2. der Tourismus schlagartig von wenig auf null geschrumpft ist. Seit dem Gazakrieg ist es dramatisch. Es ist schlimm für alle, sagt er. Der Ort ist mit seiner Infrastruktur komplett abhängig davon, dass Petra funktioniert. Eine weitere Touristin aus den USA sitzt bei uns. Sie erzählt, dass sie auf die Frage ihrer Herkunft mittlerweile nur noch "Canada" sagt. Auch wenn sie nicht offen angefeindet wird, so will sie vermeiden, dass es passieren könnte. Habib unterbricht. Das wäre nicht richtig. Jordan is safe, everyone can be here. Origin and religion don't matter!" Ich glaube ihm, dass er es ernst meint damit und vielleicht ist es auch so hier im Süden. Ich bezweifle es an der Grenze zum Westjordanland.
Ich habe keinen Hunger auf Restaurant und gehe zum Supermarkt um die Ecke. Ich will Barbican, Chips und Thunfisch für mein letztes Stück Fladenbrot. Auch das kostet alles fünf mal mehr als außerhalb der Touristenregionen. Habib rät mir, auch jetzt schon ein Busticket für morgen 17 Uhr zurück nach Amman zu kaufen, sonst könnte die Busfahrt mangels Touristen gestrichen werden. Na das will ich mal nicht hoffen, sonst muss ich 100 JD für ein Taxi anstelle der 10 JD für die vierstündige Busfahrt zahlen.
Ich freue mich auf morgen. Dann kann ich mir bis zur Bushabfahrt alles noch einmal in Ruhe und ohne Rucksack anschauen. Vieles habe ich links liegen lassen müssen, weil der Park schon zugemacht hat. Den Rucksack darf ich solange bei Habib parken, bis mein Bus fährt.