10.03.2026 Ras Al-Feid | ᐸ ᐳ ᐱ |
Beim Frühstück treffe ich das Pärchen ebenfalls an und wir kommen ins Gespräch. Abgesehen von den Wanderern gestern sind das hier eigentlich die ersten Hiker, die in etwa das selbe machen wie ich. Er heißt Eberhard... auf französisch wird das aber anders ausgesprochen. Sie heißt Michelle. Ich errate, dass sie aus Belgien kommen. Sie sind überrascht, die meisten würden wie bei Hercule Poirot auf Frankreich tippen. Naja. Letztes Jahr waren alle französisch sprechenden Touristen Belgier. Scheinbar lieben sie Jordanien. Die beiden machen geführte Tagestouren mit ihrem Begleiter Mohammed. Alleine trauen sie sich das nicht zu. Er fährt sie zu schönen Trails und sie machen gemeinsam Tagesetappen. Abends organisiert er Unterkünfte wie diese hier. Auch sie hat der Krieg überrascht. Sie waren sogar in der Botschaft in Amman, um sich zu erkundigen. Die hat im Grunde zur Ruhe gebeten, woraufhin sie sich entschieden haben zu bleiben. Sie meinten, ein paar andere Hiker aus ihrer Schicksalsgemeinschaft im Airport wären sofort wieder nach Hause geflogen mit der nächstbesten Maschine. Und so sind wir drei jetzt hier und essen Eier, Fladenbrot und trinken Tee. Mohammed errät mich als Deutschen. Er meinte, das sähe man, wegen den langen, blonden Haaren. Er mache seit 15 Jahren solche Touren. Es stellt sich heraus, dass er ein Trail Agel des Jordan Trails von der ersten Stunde ist und den Weg 2015 mit aufgebaut und getestet hat und findet, dass "seine" Abschnitte zwischen Dana und Petra natürlich die schönsten des ganzen Trails sind. Er ist sehr überzeugt von sich. Eberhard geht schonmal zusammenpacken. Mohammed macht noch ein Foto mit Michelle und mir und meint, es wäre schon hart zur Zeit. Das Geschäft geht sehr schlecht. Eigentlich wären in Camps wie diesem abends immer gemeinsame Lagerfeuer mit vielen anderen Wanderern. Aber das ist schon seit Corona deutlich anders geworden und erst Recht mit Beginn der Konflikte im Gazasteifen ab 2024.
Wir verabschieden uns und ich mache mich auf den Weg. Die Jordanier kommen gerade auch aus ihren Würfeln und drapieren ihre Vögel. Scheint wohl ein Volkssport zu sein.
Der Weg führt lange entlang der Tiefebene an mehreren Beduinencamps vorbei. Es gibt auch Hunde, aber die Aggression der nördlicheren Camps ist hier nicht. Sie bellen zwar, aber lassen mich in Ruhe. Neugierige Köpfe gucken aus den Zelten und grüßen mich oder winken. Manchmal fliegt ein "Welcome" herüber. Es gibt wirklich niemals Missgunst. Hier unten sind Massen an Fliegen unterwegs. Es nervt gewaltig. Es weht auch kaum Wind und wird schnell warm. Der Weg ist anstrengend, weil es viel über Geröll geht, sodass auch vermeintlich ebene Streckenabschnitte zur Herausforderung werden. Irgendwann geht es endlich bergauf, sodass wenigstens die Fliegen weg geweht werden. 900 Meter geht es hinauf und es wird nicht besser. Es ist ein stundenlanger Balanceakt von Stein zu Stein und meine Füße brennen. In einem hatte Mohammed aber Recht: der Weg ist verdammt gut markiert. Alle 20 Meter ein Streifen, dazu Steinmännchen, die man schon von 2 Kilometer Entfernung aus sieht und ich den GPS Track im Grunde gar nicht brauche. Grandios. So muss das sein. Muss ich in Amman gleich als Kritikpunkt anbringen, dass "sein" Teil aber wirklich, wirklich... wirklich geil markiert ist und man das doch in den Abschnitten 1 bis 5 ebenso machen könnte.
Je höher ich komme, desto mehr erstreckt sich unter mir eine endlos wirkende Wüstenlandschaft in den Südeesten. Da leben bestimmt Oryxe. Hier oben leider nur Fliegen, die meine Ohrmuscheln zum Hamsterrad spielen toll finden. Der Weg mündet in ein Kerbtal und es wird langsam wieder etwas grüner und schattiger. Mist. Wenn es schon schattig wird, bin ich viel zu spät dran. Gerade mal 7 Kilometer und schon 13:30 Uhr. Das ist nicht gut. Jetzt fangen meine Fußsohlen langsam an zu bribbeln. Zu viel spitzes Gestakse und jeder Schritt muss mit Vorsicht und Bedacht gesetzt werden. Es schlaucht. Gegen 15 Uhr passiere ich erst den höchsten Punkt auf etwa 1000 Metern, nur um vor mir eine Geröllhalde abwärts zu finden. Der eine Kilometer Luftline, den ich bergab muss, zieht sich über zwei Stunden. Ich bin körperlich das erste Mal am Limit. Viel Wasser habe ich noch nicht getrunken , weil ich nicht riskieren will, dass ich kein Wasser mehr habe, wenn der noch angekündigte Wasserfall doch trocken ist. Ich traue dem nicht ganz. Wo soll hier ein Wasserfall kommen. Es ist furztrocken. Ein Dromedarhirte mit Gewehr über der Schulter kommt mir entgegen. Ich frage ihn, ob gleich Wasser käme, aber er bietet mir nur was aus seinem Schlauch auf dem Esel an, den er mitführt. Nee. Das hält mein Darm ist aus, fürfhte ich. Außerdem habe ich noch 1,5 Liter. Aber ich muss was trinken, hilft nix. Mir kribbeln schon die Hände.
Gegen 17:30 erreiche ich tatsächlich ein Nebental, in dem es verdächtig rauscht. Und tatsächlich, es führt Wasser. Nicht viel. Ein "Wasserfall" ist das nicht, aber ein Bach, der so tief ist, dass ich meine Füße reinstecken und endlich Trinkpause machen kann. Das war anstrengend bis hierher. Zu anstrengend. Erstmal Fladenbrot von heute Morgen und Kekse futtern und Brausetabletten im Wasser auflösen. Ein Festessen. Viel Zeit kann ich mir nicht lassen. Ich fülle meine beiden Flaschen mit Flusswasser auf. Noch 3 Kilometer durch keine Schlucht muss ich hindurch, bis ich schließlich 18:30 kurz vor der Dämmung das Ende der Etappe erreiche. Eigentlich ist es kein richtiges Ende. Ich stehe mitten im Wadi... und das war's irgendwie. Um mich herum ist es totenstill. Hmm... na gut. Ich schlage mein Zelt im Flussbett auf. Dort ist es sandig und eben. Regen ist nicht angekündigt, dann wird es sich wohl über Nacht nicht adhoc füllen. Ich baue mein Zelt auf. Es wird auch schon kalt. Schon Bemerkenswert, dass ich während der 12 Stunden Dunkelheit jetzt dort drinhocke. Es ist so still, dass wirklich alles zum ein Vielfaches lauter erscheint draußen. Gruselig. Irgendwann vernehme ich einem sehr leises, weit entferntes Fliegeralarm-Echo von den Berghängen widerhallen. Ein Stein kullert irgendwo herunter. 18:48 wird auch irgendwo Allah gerufen. Dann ist es dunkel und nichts ist zu hören.
Und jetzt sitze ich in meiner grünen Blase im Flussbett in meinen 10 Kleidungsschichten mit sehr viel Nichts um mich herum und schreibe das hier auf und kann mich nicht so recht entspannen, ganz ohne den vertrauten Zivilisationslärm oder wenigstens Windgeräusche. Hoffentlich kann ich gut schlafen und wache wenig auf.
