Jordan Trail - darab al'urdunu - درب الأردن

09.03.2026 Faynan

  

Mein kleiner Gasofen schafft es die Zimmertemperatur über Nasenfrost zu halten und ich kann gut ausschlafen, während draußen das nie enden wollende Hundebellgeschwurbel am Gange bleibt. Mir ist völlig klar, warum die tagsüber alle rumliegen. Das muss doch elendig anstrengend sein, sich permanent wegen nichts aufzuregen.
Das Frühstück machen die Chemnitzer und ich wieder gemeinsam und verabschieden uns. Sie wollen weiter nach Petra fahren, während ich mich auf eine 18 Kilometer lange Abwärtstour auf dem Wadi Dana Trail freue. Ich bin tatsächlich nicht der einzige Wandertourist hier oben, die den selben Weg zum Ziel haben. Ein alteres Ehepaar in Strickpullis und fetter SLR-Kamera vor der Brust aus Großbritannien und ein belgisches Pärchen samt einheimischem Guide und Esel für ihr Gepäckel sind um 9 Uhr auch am Start. Na immerhin. Das sind auf dem bisherigen Weg seit Umm Qais tatsächlich die einzigen Wandertouristen, die mir bislang begegnet sind. Ich bin eindeutig der Langsamste hier. Meine Barfußschlappen lassen keine Marschgeschwindigkeit zu und sie sind glücklicherweise bald außer Sichtweite.
Das Tal ist sehr bunt. Ich gehe das erste Mal direkt nach Westen und nicht nach Süden, 1000m hinab in die Ebene. Die Hangseite nach Süden hin ist grün und bewaldet. Nach Norden hin ist sie unbewachsen und karminrot. Mein Weg und die Talebene ist gelb und voller Topfpflanzen, nur dass sie hier wohnen. Es riecht süßlich. Endlich mal ein einfacher Weg bergab durch ein als Biosphärenreservat geschütztes Gebiet. Da will ich gar nicht schnell sein müssen. Viele kleine Quellen sprießen aus den südlichen Seitentälern, schaffen es aber nicht Wadi Dana mit Wasser zu speisen, dafür umso mehr Bäume, die gerade erst austreiben und ersten Schatten bieten. Weiter unten im Tal wohnen auch wieder Beduinen. Aber sie sind anders als im Norden des Landes. Keine angerichten Hunde, dafür viele Esel und Dromedare, die frei im Wadi herumlaufen und mich begrüßen. Auch die Zelte haben jetzt eher traditionelle Firmen. Die Männer sind mit den Schafen in den Hängen unterwegs und die Frauen schauen mich wortlos unter Schleiern an. Die Kinder bleiben zugängig, haben sich aber sichtlich auf Touris wie mich eingestellt und versuchen ein Selfie mit ihnen zu verkaufen. Immer wieder geht der Finger hoch für 1 JD. Wenn ich das mache, habe ich in 5 Minuten die halbe Siedlung hier stehen. Das Interesse an mir ist vorbei, sobald ich abwinke. Das Geschäftsmodell mag ich nicht. Zu Hochzeiten mag das aber sicherlich gut funktionieren.
Zum Ende hin wird das Tal weit und es wird richtig warm. Das Paar mit den Wollpulis treffe ich am Ausgang des Wadis ebenfalls wieder. Sie werden von einem Mann einer Travel-Agentur in einem neongrünen Jeep abgeholt. Die Esel-Belgier habe ich irgendwann wieder eingeholt. Sie haben irgendwo ein Feuerchen gemacht und packten lauter Essenssachen vom Esel herunter. Ich gehe weiter. Vor mir erstreckt sich nun endgültig eine weitläufige Wüstenlandschaft. Man könnte meinen, Wadi Dana ist das Tor zu einer gänzlich anderen Biosphäre, in der es wohl auch Oryxe zu geben scheint. Ich liebe die Tiere und hoffe sehr, dass ich welche in freier Wildbahn sehen kann.
Mein Weg führt an einer Wüsten-Ökolodge vorbei, an einer Beduinensiedlung und den Ruinen von Feynan, bis ich schließlich mein heutiges Ziel erreiche, ein Camp, das auch der Außenposten auf dem Mars sein könnte. Weit und breit nichts, dann auf einmal ein paar Häuserwürfel, vor denen Bettgestelle in der Wüstenebene herumstehen. Daneben ein Waschhäuschen ohne Dach, aber mit fließend Wasser aus den üblichen 2000L-Tonnen auf dem Dach. Könnte auch Kulisse für ein Pink Floyd Cover sein das alles hier. Internet hat's, aber nur entfernt von den Mauern der Würfel und im Stehen. Und so stehe etwas verloren im Nichts vor den Würfeln herum und versuche eine Telefonnummer ausfindig zu machen. Ein Mann hört mich schließlich, als ich meinen Rucksack absetze und mich auf eines der Bettgestelle hocke und kommt aus einem der Würfel heraus. Er hat mich erwartet und weist mir Würdel Nr. 4 zu, in dem tatsächlich zwei Betten stehen. Ich bin sehr begeistert. Er meint, ich könne auch draußen schlafen, dann könne ich einfach die Matratze auf eines der herumatehenden Bettgestelle legen. Naja. Ich weiß ja, wie kalt es werden wird in der Nacht und habe nichts gegen das Würfelchen. Aber eine coole Idee, aus nichts was zu machen. Der Blick auf die Berghänge ist toll.
Zum Abend hin kommen Leute und bringen Vorräte ins Camp und ich werde zum Tee eingeladen, bevor es schließlich etwas zu essen gibt. Es ist gut, dass ich gestern hier schon reserviert habe, denn sonst wäre niemand gekommen, sagt mein Gastgeber. Booking.com macht Plätze wie diesen hier erst möglich. Es gibt Reis, Salat, Fleischbällchen und Brot. Ich vertilge alles, denn die nächsten zwei Tage werde ich wohl keine Ortschaft zu Gesicht bekommen und muss noch einmal irgendwo im Zelt übernachten. Zum Nachtisch gibt's Adaif. Jedenfalls wird es so ausgesprochen. Teig in Honig, daran kann ich mich echt gewöhnen.
Es wird still hier draußen. Endlich kine Hunde, kein Wind, nichts. So viel nichts, dass ich meinen sehr hochfrequenten Tinnitus wahrnehme. Eine seltene Geräuschkulisse, dieses Nichts. Bin ansich gut erholt. Mein Gastgeber geht beten. Dann könnte ich mit meiner UV-Lampe doch mal auf die Jagt nach Skorpionen gehen. Wo, wenn nicht hier. Also, alle 10 Kleiderschichten an und raus in die Wildnis jenseits der Bettgestelle.
Leider bringe ich keine giftigen Tiere zum Vorschein, sondern nur Plastikmüll. Dafür blicke ich in einen glasklaren Sternenhimmel.