06.03.2026 Ais | ᐸ ᐳ ᐱ |
Mein heutiger Tag wird also ein gewaltiger Abstieg werden und danach... naja... Mal sehen, was so geht. Ich gewöhne mich daran, nicht zuende zu planen. Die Leute hier haben ständig andere Pläne für mich.
Es geht von Karak steil bergab auf einem markierten Pfad, wen man nur in der Theorie "Weg" nennen darf. Auch daran gewöhne ich mich. "Wanderweg" darf man nicht mit dem alpinen Vorbild gleichsetzen, bei dem die Markierungen einen ausgetretenen Weg begleiten. Immer wenn die Pisten enden, bleibt das Gefühl, dass außer dem Menschen mit dem rotweißen Farbeeimer nie jemand Menschliches den Boden betreten hat. Ziegen sicherlich. Diese Pfade führen regelmäßig in die Irre. Wenn ich nicht im Minutentakt das GPS Signal checken will, heißt es, die Intuition zu schärfen: Was hätte ich als Erbauer mit den Wanderern am ehesten vorgehabt? Das funktioniert erstaunlicherweise ähnlich gut wie beim Geocachen: Halte alle Formationen im Blick, schaue dir bei jeder Markierung an, in welche Richtung sie ausgerichtet ist und suche von dort aus die nächste. Das klappt! Aber man ist unglaublich langsam unterwegs, erst Recht mit 30% Gefälle.
Ein nicht enden wollendes, leises Gefauche schwirrt währenddessen durch die Luft. Dann entdecke ich die wieder die weißen Striche. Viele viele Raketen in Richtung Westen. Ich kann mich mit dem Anblick nicht anfreunden. Die sehen so friedlich aus da oben. Ziel scheint nicht mehr Jerusalem zu sein. Die wurden ja permanent abgeknallt. Es muss Tel Aviv sein. Diese sind anscheinend zu hoch und passieren Jordanien ungehindert. Strategiewechsel? Ich will gar nicht nachsehen. Innerhalb von 5 Stunden komme ich langsam zum Wadi Hasa inmitten des breiten Tals und passiere viele Schafhirten, die mir alle wohlgesonnen sind, Wasser und Zigaretten anbieten und ihre Hunde im Zaum halten. Sie schauen skeptisch auf mein Schuhwerk. Das macht keinen Sinn für sie. Naja, hütete ich Ziegen, sähe ich das auch anders. Ich habe ja keine Eile hier. Und dass ich mich mit nichts untenrum am wenigsten verletze, ist tausende Kilometer lang erprobt. Gut, gegen Dummheit kann man nichts machen. Aber mein Arm hat eine saubere, farblose Kruste um mein Aua herum gebaut.
Das Wasser im Wadi ist lauwarm. Und mein Weg ist auf einmal weg. Hier unten wurde rumbegabbert. Der Weg war im Weg. Jetzt ist hier eine versehentlich renaturierte Furt entstanden, die ich nicht umlaufen kann. Und schon macht mein Schuhwerk wieder Sinn: Hosenbeine hoch und ab durch den Schlamm und das Wasser. Mein Ziel soll hier auch sein, ein Resort. Aber es sieht total verwaist aus. Keine Gäste, keine Saison, wie auch immer. Aber so sehr schön ist es hier auch nicht, eher reudig mit einigen landwirtschaftlichen Betrieben. Und was mache ich jetzt? Hier in der Nähe sollen heiße Quellen sein, hat mir Google Maps gestern verraten. Das Navi sagt 3km nach Westen auf einer Straße, die dort angeblich aufhört und 300m weiter wieder auftaucht. Was soll das denn? Naja, im Zweifel kenne ich mich offroad rumstaksen ja jetzt aus, also los, ich will baden.
Niemand ist hier, bis schließlich auf halber Strecke ein südkoreanisches Blechgebildet neben mir hält. Zwei Männer und ein Kind schauen heraus: Sie wollen zu den heißen Quellen. Ich auch? Ich auch! So steig doch ein! Mache ich. Es grüßen mich Hamsa, Said und der kleine Abujenda, der Schwimmen lernen soll. Wir fahren also gemeinsam zum Afra Hot Spa, wo wohl so richtig was los... sein... könnte... wenn Menschen da wären. Vor Ort ist nur ein Händler für Getränke, der mich freudig mit einer 2 Liter Matrix Wildberry Flasche begrüßt. Es sieht verwahrlost aus. Hier war wohl auch mal ein Restaurant und ein Resort. Das muss aber alles stark mitgenommen worden sein durch eine Schlammlawine, die hier einst wütete. Ich gehe mit den Männern in eine Schlucht, in welche Bäder gebaut wurden und das Wasser mit über 40 Grad hinein fließt. Genau was ich gesucht habe. Aber leider weiß ich jetzt auch, warum hier die Straße endet. Sie ist einfach nicht mehr da und dafür einer Art Rückhaltebecken gewichen, das die Schlucht unpassierbar macht. Sackgasse. Egal, darum kümmere ich mich später. Erstmal soll ich mit baden kommen. Ich brauche ewig, bis mein Körper die Hitze aushält. Sie lachen sich kaputt. Jaja, habt mal ne empfindliche Wunde! Abujenda sitzt verunsichert im Becken, während der Vater versucht ihm Wasser über den Kopf zu gießen. Ich liege im Becken herum und fange regelrecht an zu schwitzen. Neee, der Kleine weiß nicht so recht, was mit dem Wasser gemacht werden soll und so gehen wir nach 20 Minuten wieder heraus. Hamsa will mir noch eine antike Felsenbehausung im Berg zeigen. Auch nett. Und nun? Ich stelle fest, das ich nur umdrehen kann. Naja, die drei auch. Sie würden mich och nach Ais mitnehmen, sagt Hamsa. Da wohnen sie. Na wenn das nicht eigentlich mein Ziel ist, das ich genommen hätte, wenn die Überquerung des Berghangs nicht so lang wäre... ich sage nicht nein. Die Strecke ist karg und unspannend. Das sagt auch mein Jordan Trail Pass. Habe ich damit gerechnet? Hmm... sagen wir so, ich schließe hier nichts mehr aus. Die Menschen sind einfach viel viel mehr miteinander, viel mehr eine homogene Gesellschaft als bei uns. Ich wusste, dass diese Option besteht, als ich in den Wagen gestiegen bin.
Eben dieser Wagen quält sich jetzt mit einem heiß laufenden Automatikgetriebe zurück bis zur Hauptstraße und hinauf nach Ais, der nächstgelegenen Stadt und mein Ziel laut Karte. Hamsa quält sich auch, er hat Zahnweh. Aber der Zahnarzt macht erst Montag auf. Ich gebe ihm ein paar meiner Ibus mit, die bis Montag hoffentlich reichen sollten. Nun bin ich mittels des Cheatcodes "Verständigung" also doch an meinen geplanten Bestimmungsort gelangt und stehe an einem Kreisverkehr, die ein Geschützturm ziert. Und schon wieder wollen Leute mir helfen. Nee komm, lass mich jetzt mal was besorgen hier und gut is. Ein Hotel hier oben soll sogar meinen heutigen Wanderstempel haben. Da gehe ich hin.
Ein Zimmer für 20 JD, Wanderstempel und wieder das ganze Hotel für mich alleine. Glück für mich. Aber wie lange halten die Leute das durch mit all den Konflikten rings herum.
Für mich ist genau jetzt genau die Hälfte des Jordan Trails erreicht. Bergfest.
