Jordan Trail - darab al'urdunu - درب الأردن

05.03.2026 Jahrah

  

Ich schlafe 8 Stunden durch. Perfekt. Dann kann ich ja frühstücken gehen. Nur... es ist niemand im Hotel. Weder im Restaurant noch an der Rezeption. Nur der Orangenverkäufer liegt auf einem Sofa in der Lobby und schläft. Irgendwie scheint man mich vergessen zu haben. Naja. Bin eh immer noch satt von Gestern. Dann lege ich mal den Schlüssel hin und gehe los.
Die Altstadt ist menschenleer. Nur ein paar Polizisten stehen am Burgeingang herum und grüßen mich. Hinter der Burg geht es gleich hinaus aus der Stadt in ein langgezogenes Kerbtal. Es ist still. Keine zähnefletschenden Beduinenhunde. Ein paar Schafe bimmeln am Hang entlang und werden von ihrem Hirten mit "Brrrr" und "Ai!" in der Spur gehalten. Die Wegmarkierungen haben sich verdoppelt und ich kann mein Gehirn beim Laufen abschalten. Der Weg verläuft über 15 Kilometer lang auf 1200m Höhe und meine Muskelkater sind weg. So entspannt ist es bislang selten gewesen. Ich merke, dass ich mir davon mehr wünschen würde. Je weiter ich gehe, desto mehr ändert sich das Landbild. Die Beduinenzelte sind Schafställen gewichen. Wenn mir Hunde begegnen, so sind sie deutlich zahmer, wenn nicht sogar gänzlich desinteressiert an mir. Viele Hunde streunen wild durch die Gegend. Die haben in der Regel sogar Angst vor mir. Ich durchquere die Ruinen eines Dorfes, als die Sirenen plötzlich wieder losgehen. Am Himmel zeichnet es sich ab. Sechs Raketen sind in großer Höhe auf dem Weg von Iran nach Israel. In Israel angekommen endet der Antriebsschweif plötzlich und sie sind nicht mehr zu sehen. Zwei Minuten dpäter dann ein weit entferntes Rumms, gefolgt von der Entwarnungssirene.
Während ich so nach oben schaue und dem Fauchen der Antriebe nachschauen, stoße ich unten gegen einen ovalen Becher. Nanu, der Becher hat ja Beine und Kopf! Eine Schildkröte wandert über die Straße. Eine Mini-Morla! Hier oben? Hat die jemand ausgesetzt? Das Tier guckt mich schnaufend an: "Wir wissen es nicht. Und selbst wenn wir es wüßten, würden wir es nicht verraten!", sagt sie mir ganz eindeutig mit ihrem Blick. Während ich weiterlaufe, entdecke ich ein paar Stunden später noch zwei weitere. Die wohnen hier oben. Jetzt WILL ich es aber wissen. Google weiß es auf deutsch tatsächlich nicht so recht. Auf Englisch finde ich einen Bericht über die Levantine Turtle, die hier oben tatsächlich heimisch ist. Niemals hätte ich mit Schildkröten auf Bergen gerechnet. Sie sind etwa faustgroß und athmen schwer, wenn sie mich erblicken. Gegen Abend komme ich in meinem Zielort Mujeida an. Eigentlich wollte ich noch was einkaufen, aber beim Ortseintritt werde ich von 6 Kinder umringt, die mich nicht mehr in Ruhe lassen. Sie sind aufdringlich neugierig und platzen bald, als sie erfahren, dass ich Deutscher bin. Sie wollen mir mit irgendwas imponieren. Die Jüngeren sehen in mir ein außerirdisches Artefakt oder so und fassen mich ständig am Arm. Sie fragen mich dauernd, ob ich Ronaldo oder Messi besser finde. "Sven Michel", sag ich. "Nur der SCP!" Können sie nicht aussprechen. Ob ich Trump mag... und Netanjahu... oooh je, da sind diese Fragen wieder. Natürlich nicht, ich sage entschieden Nein. Richtige Antwort. "Merkel good!", sagen sie. Ich mache mal nen Daumen hoch. "Germany friend!", sagen sie. Was ich für ein Handy hätte. Sony, sag ich. Unverständnis. Ob ich deutsche Musik drauf hab. Klar! Ich soll sie einem der älteren Kinder geben. Er hat ein Handy. "Bluetooth Bluetooth!" Naaaa gut, dann machen wir mal einen kulturellen Austausch auf offener Straße und zwischen den Welten. Was... Deutsches... An was auch immer du denkst, aber ich denke in Anbetracht der Mini-Morlas an Klaus Doldinger als würdigen Repräsentanten. Also dann, lass uns handshaken. Xperia Pro-I schließt Freundschaft mit Galaxy S3. Er freut sich, als hätte ich ihm einen Goldbarren in die Hand gedrückt. "I love you!" Na warte ab. Ob das deine Hörgewohnheiten trifft, weiß ich nicht, aber es ist meine Vorstellung von deutscher Musikkultur, die ich unter diesen Umständen und in diesen Zeiten mit dir am ehesten teilen will. Vielleicht ist es ja ein Sandkorn, das in die Hände eines Kindes gelegt wird, auf dass es sich was wünscht, um alles zu neuem Leben zu erwecken.
Jetzt riechen die anderen Kinder Lunte und wollen auch irgendwas. Es wird so aufdringlich, dass ich keine Lust mehr habe im Ort zu bleiben, um nen Minimarkt zu suchen und gehe schleunigst auf die Hauptstraße zu meiner heutigen Unterkunft. Erst nach 20 Minuten, als ein Feldarbeiter sie ausschimpft, lassen sie endlich von mir ab. Toll. Ich wollte Cola... menno. Jetzt bin ich am Laden vorbei.
Gegen 17:30 Uhr bin ich endlich am Ziel. Mein heutiges Domizil hat eine Sauna! Jawohl! Leider ist der Pool leer. Gut, es ist halt Winter und jetzt im Sonnenuntergang noch semikuschelige 7 Grad. Aber die Sauna geht... irgendwie. Die Hälfte der Brennstäbe... ich denke zu viel an den Iran... Heizstäbe ist kaputt. Was macht man da? Nen Radiator mit dabei stellen. Fertig. Egal. Ich hab ne Sauna!!!
Leider ist es nunmal so, dass in Jordanien alles immer irgendwie baufällig ist. Und ich versuche Stereotypen wirklich wirklich so gut es geht zu vermeiden. Daran habe ich mich aber gewöhnt. Warum bekommen die Unterkünfte trotzdem reihenweise 9 und 10 Punkte? Ganz klar, wegen den Menschen. Um 19:30 bekomme ich ein Abendessen. Währenddessen schaue ich mir die nächsten beiden Strecken an. Das wird nicht leicht. Das morgige Tal ist gewaltig. Das soll ich laut Plan durchqueren. Also 1200 Meter runter und wieder herauf und das darauf folgende auch noch runter. 30 Kilometer weit. Keine Schlafgelegenheit am Ziel. Ich weiß nicht, ob ich mir das wirklich antun will. Zwei Tage habe ich extra eingeplant, falls so etwas Zweifelhaftes kommt. Ich denke, ich werde die morgige Etappe halbieren und unten im Wadi übernachten. Das soll ein "Geheimer Fleck" und eine Erkundung wert sein, habe ich gelesen. Und ich erhoffe mir mehr Temperatur als hier oben, falls ich zelten werde.

Ein Heulen


Ein Sandkorn