04.03.2026 Al Karak | ᐸ ᐳ ᐱ |
Ich frühstücke erstmal. Mimi hat was zubereitet. Die Tschechen sind schon früh aufgebrochen, um von Ägypten aus heimwärts zu fliegen. Ich gehe weiter nach Süden. Es ist nicht sonderlich spannend. Es geht durch funktional anmutende Siedlungen,in denen bei einem ziemlich starken, kalten Wind den Müll über die Straßen fegt. Das soll noch 20 Kilometer so weitergehen. Bei mir macht sich mittlerweile ein enormer Muskelkater in den Beinen und Schultern breit. Der Aufstieg gestern sitzt mir in den Knochen. Nach etwa 2 Stunden beschert mir das Wanderglück Erleichterung, auf die ich ehrlich gesagt insgeheim gehofft habe: Ein Auto hält an und will mich mitnehmen. Zwei Herren fahren zufällig auch in meinen Zielort Alkarak. Mittlerweile ist meine Scheu gänzlich verschwunden, in total abgerockte, 30 Jahre alte japanische Limousinen einzusteigen, die nur noch mit Tesafilm zusammenhalten. Bedingung ist nur, dass ich dem Beifahrer, ein älterer Schrotthändler aus dem Nachbarort, beim Einkaufen helfe. Wäre ein kleiner Umweg. Mache ich. Kleiner Umweg ist gut. Etwa 20 Kilometer gurken wir hin und her von hier nach da, bis alles beisammen ist. Supermärkte im westlichen Sinne gibt's hier nicht wirklich. Und Einkaufen heißt vor allem erstmal viel Händeschütteln und quatschen. Aber egal, Khalid, mein Fahrer fährt mich dafür direkt vor mein Hotel, das ich für heute gebucht habe, das direkt an der Kreuzritterburg Karak aus dem 13. Jahrhundert liegt und erklärt mir alle Ortschaften ringsum. Das war eine runde Sache und ich lasse 10 JD bei ihm für die fiesen Benzinpreise, die auch hier gerade in die Höhe schießen. 12 Uhr. Ich checke ein. Zwei Rezeptionistinnen gucken mich überrascht an. Sie waren von keinem Gast mehr ausgegangen. Alle ausländischen Gäste hätten nach und nach storniert. Ich bin heute der Einzige. Direkt neben dem Hotel liegt die Burg. Auch hier ist alles für große Tourimengen ausgelegt mit etlichen Parkplätzen. Aber außer mir und einer Familie ist niemand hier. Für mich endet das erste Drittel des Wegs und heute verordne ich meinen Schultern und Beinen Kulturtag. Also ab in die Burg für 2 JD.
Die Festung ist sehr groß und voller Gänge und Katakomben. Ähnlich wie letztes Jahr in Ajloun. Nur gänzlich ohne Menschen. Alles für mich allein. Der kalte Wind häult durch die Schießscharten und es wirkt gespenstisch. Dann treffe ich auf die Familie mit zwei Mädchen im Teenageralter. Deutsche. Aus Lippstadt. Nee, is klar. Mitten im Krieg trifft man im nahen Osten am ehesten ne ostwestfälische Familie. Wir sind überall. Auch sie sitzen drei Tage länger hier fest als geplant, weil ihr Flug gestrichen wurde. Sie machen noch ne kleine Rundreise, um die Zeit zu überbrücken. Was willste machen. Das beste draus, sagt der Mann. Sie haben die letzten Tage gerade mit den Kindern viel darüber geredet. Für uns alle ist die Erfahrung neu. Aber wir sind schon etwas verblüfft darüber, wie krisengewöhnt die Leute hier sind. Es gehört anscheinend zum Alltag immer mal eine Krise irgendwo zu haben, ob nun Syrien, Irak, Libanon, Iran, Israel, Westjordanland... Jordanien schafft es sich vortrefflich rauszuhalten. Die Familie kommt gerade aus Wadi Rum. Die Camps seien wie leergefegt. So wie auch die Burg hier.
Ich setze mich in einen sonnenbeschienenen Platz, der einmal Teil einer Moschee war, in den Windschatten und lasse mir die Sonne ins Gesicht knallen. Eigentlich sollten hier viele Menschen sein und das aräologische Museum sollte geöffnet sein. Stattdessen sitze ich alleine in dem großen Areal... und schlafe tatsächlich ein.
Eine grüne Plastiktüte weht mir ins Gesicht. Vor Schreck bin ich wieder hellwach. Mir fröstelt es. Das war nicht geplant. Ab ins Hotel mit mir. Die Stadt hat außer funktionalen Gebäuden und einer originalgetreuen Miniaturausgabe des Felsendoms in Jerusalem nicht viel zu bieten. Menschen versuchen mich in ihre Klimbimläden zu locken, weil ich der einzige Touri bin.
Bis Sonnenuntergang bleibe ich im Zimmer und wärme mich auf. Dann wird Allah endlich gerufen und damit das Fastenbrechen eingesungen. Im Restaurant soll es extra Buffet geben, da will ich hin. Das Restaurant ist voll mit jungen JordanierInnen, schön getrennt nach M und W. Ein Musiker spielt Livemusik zu Rhythmen von seinem Handy. Ich falle ziemlich auf. Man versucht mich sehr zuvorkommend zu bedienen und stellt mir allerlei Sachen extra zum probieren hin. Extra Hähnchen, viele Teigsüßigkeiten, die in Honig schwimmen, ein echtes Minzsmoothieslusheis... bis ich schließlich das Pfeifen in den Ohren bekomme und zurück auf mein Zimmer rolle. Und das Ganze für 18 JD. Puuh, das war zuviel des Guten. Aber gut, morgen geht's in Teil 5 des Jordan Trails und der erste Abschnitt wird lang werden.
Heute nur eine Rakete aus dem Iran gegen Mittag. Sagt auch die Tagesschau. Darf gerne weniger werden. Möglicherweise geht das Material aus, nachdem der Iran nach dem Angriff von Israel und den USA so ziemlich allen rings herum auch eine Rakete gesandt haben. Alle sind jetzt aufgewühlt und die Flughäfen ein großes Durcheinander. Selbst Exil-Influencer in Dubai trauen sich staatlich verbotene Kritik zu üben.
Erschreckend, wie mein Gehirn den Kriegsumstand einfach in den Alltag abstrahiert auf die für mich relevante Wohlfühlinformation. Darf ich das eigentlich so rambomäßig sagen: "Das ist nicht mein Krieg"?!
