Jordan Trail - darab al'urdunu - درب الأردن

03.03.2026 Majdalein

  

Die Nacht ist besser. Meine Hüften gewöhnen sich an die neue Schlafsituation erstaunlich schnell. Mein Kopf an die internetfreie Detox-Zeit ebenso. Mit 5 Grad ist es auch ein bisschen wärmer geblieben. Schräge Träume habe ich dennoch zu Hauf. Zuletzt träume ich davon mit einer Legobahn durch ein Miniatur-Amsterdam zu fahren. Immer wenn es piept, fährt die Bahn durch einen anderen Themenpark. Alles ist lustig bunt und voller Kinder, die Vanillevla in allen Farben essen. Ich wache abrupt auf. Das Piepen für den Themenwechsel war echt... ein Vogel, der wie meine Waschmaschine klingt, wenn die Wäsche fertig ist. Chiiipeeeeep!
6:30 sagt mein Handy. Gleich wird's hell. Oberhalb des Wadis höre ich zwei Männer, die entlang des Hangs laufen. Der eine labert den anderen energisch voll, der andere sagt immer nur "Hummm".
Um 7 Uhr mache schäle auch ich mich aus meiner Stoffzwiebel und tue mal so, als wäre es nicht so schweinekalt. Aber ich sollte heute früh los. Mein Trailpass sagt, heute steht der größte Anstieg des gesamten Trails an mit 1200 Höhenmetern. Das will ich vor Mittag geschafft haben, bevor es schließlich auf der Hochebene geradlinig weiter verläuft und endlich auch an einem Minimarkt vorbei kommen soll. Ich kann meine Erdnüsse nicht mehr sehen, von denen ich mich seit 48 Stunden ausschließlich ernähre.
Ich packe viel Wasser ein, noch schnell Zähneputzen und ab dafür. Es geht latent bergauf durch eine Art Beduinendorf, wennan es so nennen will. Viele Zelte stehe hier und noch viel mehr Hunde begrüßen mich mit fletschendem Grinsen. Ich hasse es. Mittlerweile führe ich immer 5 Steine in meiner Tasche mit als Abwehrmunition. Zum Glück sind hier immer irgendwo Menschen, die sie zurückpfeifen und ich gelange nach 5 Kilometern an den Aufstieg.
Es zieht sich gewaltig. Und zu allem Überfluss lege ich mich in einer Senke volles Mett aufs Maul und lädiere meinen rechten Unterarm beim abstützen komplett. Es blutet mächtig. Toll. Und so unglaublich unnötig. Ich habe einem Stein beim Hochsteigen vertraut, von dem ich WUSSTE, dass er mich nicht halten wird. Aber die Flauheit, einen anderen zu suchen, obsiegte mit einem schmerzhaften Resultat. Es war eigentlich gar nicht gefährlich, ich war einfach nur grottendumm. Ich verschwende 1 Liter Wasser damit, die Wunde zu reinigen. Offen lassen muss ich sie, dann verkrustet sie schneller. Aber es nervt beim Aufstieg enorm, weil sie so spannt. Dreimal denke ich, oben zu sein, nur um zu sehen, dass hinter der Anhöhe noch ein Anstieg folgt, den ich nicht sehen konnte. Ich sollte mich mental darauf eingestellt haben, meint die Trailinfo. Und so stapfe ich langsamen Schrittes Schicht um Schicht durch die Erdzeitalter, bis ich schließlich auf 900 Meter Höhe in der Gegenwart angekommen bin. Allerdings erst um 14 Uhr. Mein Arm ist rot und blau geworden, aber den Schmerz habe ich dank Voltaren-Gel betäuben können. Mann, so eine Schürfwunde hatte ich, seit ich mit 16 Jahren kopfüber vom Fahrrad gefallen bin, nicht mehr.
War hier alles gerade noch Wüstencanyon, ist oben auf dem Plateau das Gegenteil. Es grünt mächtig um diese Jahreszeit. Die Felder sind bestellt und das Getreide ist noch so klein, dass es auch Wiese sein könnte. Überall wuchern Blumen und es summt um mich herum ein vielstimmiges Arbeiterinnenkonzert.
Endlich erreiche ich den Ort Faqo'e und damit meine herbei ersehnte Blechbude, die sich als Minimarkt entpuppt. Ich bin gerettet, endlich Wohlstandsmüll. Oliver hat Aua und braucht Trost! Gib mir Saft! Gib mir Keks! Njam.
Nur essen darf ich es nicht auf offener Straße, sagte man mir. Es ist Ramadan. Wäre irgendwie respektlos. Gut, verstehe ich. Warte ich halt, bis ich hier raus bin.
Die heutige Etappe endet an einer Hauptverkehrsstraße. Toll. Wo soll ich hier denn ungesehen ein Zelt aufstellen? Überall sind Häuser oder Hunde. Das wird nichts. Irgendwann finde ich einen halbfertigen Verschlag und esse endlich meinen Keks. Na Mal sehen... vielleicht habe ich ja Glück und finde irgendwas. Tatsächlich ist da ein Hotel für 16 JD, das entwas abseits meiner morgigen Etappe liegt. Sogar mit Frühstück. Oooh, das nehme ich, buche, und mache mich auf den Weg. Es dauert nicht lange und ein Wagen hält neben mir. Wo ich hin will? Na da und da hin. Ich darf einsteigen. Mittlerweile verstehe ich, dass ich den Leuten damit den größten Gefallen zu tun. Sie nehmen mich drei Kilometer mit, bevor sie woanders hin abbiegen. Klasse. Nur noch 4 Kilometer. Da hält ein weiterer Wagen neben mir. Der Fahrer spricht Englisch und will mich weiter nehmen. Als ich sage, dass ich ins Hotel will, winkt er ab und will, dass ich bei ihm schlafe. Hmmm... habe leider schon gebucht. Aber er fährt mich direkt zu meiner Adresse und freut sich, geholfen zu haben. Und so habe ich die 7 Kilometer in 10 Minuten hinter mich gebracht. Mimi, die Hausfrau des Hotels empfängt mich mit Tee. Sie kommt aus Ruanda und hat sich hier ihren Wunsch erfüllt und mit ihrem jordanischen Mann das Hotel eröffnet. Wir unterhalten uns eine Zeit lang über die politische Lage, während mein Zimmer bereitet wird. Auf Besuch war sie nicht mehr eingestellt. Während wir reden, kommen drei weitere Gäste ungeplant vorbei und nehmen ebenfalls ein Zimmer. Da ist das Hotel auf einmal halb voll und Mimi freut sich. Wir bekommen Tee und Aufmerksamkeit zum Dank. Die drei Jungs kommen aus Tschechien und sind gerade erst aus der Schule. Sie haben Urlaub in Jordanien gemacht und wollten eigentlich schon gestern zurückgeflogen sein. Problem: Ryanair hat alle Flüge gestrichen, wie so ziemlich jede ausländische Airline, und jetzt sitzen sie fest. Sie nehmen es mit Humor und gucken sich halt morgen Amman an. Aber es ist derzeit unklar, wann sie raus können. Die Alternative ist über Aqaba nach Ägypten einzureisen und von Kairo aus zu fliegen. Das wollen sie nicht. Ich bin gespannt, was mich in 2 Wochen erwartet. Royal Jordanian fliegt regulär alle Flüge in einem Zeitfenster von 9 bis 18 Uhr. Naja, wir werden sehen. Heute gab es "nur" zwei Raketenwarnungen ohne Bumms über die Sirenen zu hören, während Al Jazeera ein deutlich dramatischeres Bild aus Iran und Israel sendet. Im Laufe des Tages gab es keine Raketen mehr. Es wären heute weniger Raketen geflogen, sagt auch die Tagesschau. Kann ich bestätigen. Ich beschließe mich auf Mimis leckeren Tee, salziges Popcorn und meine Wundenversorgung zu konzentrieren. Den Arm wickel ich hochprofessionell in ein Desinfektionstuch aus dem Flugzeug und ein großes Pflaster aus meinem Erste-Hilfe-Set ein für die Nacht und esse noch mehr Trostkekse im Wohnzimmer des Hotels. Der Mann ist heimgekommen, Mimi macht den Holzofen an und kippt eine bei gelbe Flüssigkeit dabei. Abendgebet.
Später kommen Nachbarn und Freunde vorbei, um zu quatschen und Shisha zu rauchen. Mimi sitzt abseits daneben und bedient die Gesellschaft mit Tee und salzigem Popcorn, wenn es verlangt wird. Es ist klar, dass das ihre Aufgabe ist.