Jordan Trail - darab al'urdunu - درب الأردن

02.03.2026 Wadi Mujib

  

In der Nacht kühlt es auf 3 Grad runter und ich ziehe alle meine Kleidungsschichten an. Durchs Barfußlaufen im Winter weiß ich, dass alle vier Knöchel wichtig sind und so habe ich mir extra noch Schweißbänder dafür gekauft. Es funktioniert. Hände und Füße bleiben die ganze Nacht warm. Aber es hätte kein Kleidungsstück weniger sein dürfen. Irgendwie drehe ich den Schlafsack schließlich so herum, dass die Kapuze oben ist, das hält schließlich auch die Nase warm. Ich werde jede Stunde wach. Mein Rücken muss sich daran erstmal gewöhnen. Aber alles in allem komme ich gut zu Schlaf...
.. bis mich schließlich ein voluminöses Booooom aus irgendwelchen wirren Träumen reißt. War das jetzt im Traum oder nicht?! Ich mache das Zelt auf und schaue heraus. Eine Rakete fliegt nordwestlich meines Vadis in einiger Entfernung durch die Luft und zieht einen rauchigen Feuerschweif hinter sich her, während lauter kleine Explosiönchen der Zigarre immer näher kommen. Dann ein lauter Knall und die Rakete geht in Rauch auf. Abgefangen. So geht das am Morgen immer wieder mal, sodass ich ein Muster erkenne: erst schwaches Geknitter, dann ein fetter Knall, wenn die Rakete neutralisiert wurde. Das ganze findet auf israelischer Seite jenseits des toten Meeres statt. Einerseits bin ich fasziniert. Andererseits irritiert über meine vermeintliche Gelassenheit. Nach nur einem Tag gewöhne ich mich an das gelegentliche Knallen von irgendwo weit weg. Ein Teil von mir denkt sich, dass ich lieber auf den Kanaren oder so wäre. Der andere Teil denkt sich, dass mir hier im Nirgendwo auf jordanischer Seite im Grunde nichts passieren kann. Ich bin wirklich kein lohnendes Ziel. Ich packe mein Zelt ein und mache ich an einen langen, 670m hohen Aufstieg in Richtung eines Plateaus im Süden des Vadis. Eine Ortschaft ist in weiter Ferne oben am Berghang. Eine Sirene macht Fliegeralarm und echot durchs Tag, wenn die Raketen kommen und gibt Entwarnung, wenn sie vorbei sind. Die Einflugschneise von Aqaba zum Flughafen Amman ist ebenfalls sichtbar. Flieger starten und landen, wenn auch selten. Wie lange kann sich der Iran diese Bombardements eigentlich leisten? Besonders effektiv scheinen sie nicht zu sein gegen die Bodenabwehr. Komische Gedanken für eine Wanderung. Netz habe ich hier auch nicht. Das ist wohl auch gut so. Die Nachrichten würden mich nur beunruhigen und so konzentriere ich mich auf's Wesentliche: je höher ich komme, desto sichtbarer wird eine zerfurchte Landschaft, die dem Grand Canyon sicherlich Konkurrenz machen könnte. Mag sein, dass in den Vadis ringsum nur ein Rinnsal fließt. Was nach millionen von Jahren daraus entstanden ist, ist gewaltig und gibt schichtweise die Epochen der Weltgeschichte an den abfallenden Hängen der Schluchten preis. Viele Schafhirten sind hier und immer wieder kreuzen sie meinen Weg, grüßen und ziehen weiter. Leider auch solche mit Hunden. Es ist ätzend, wenn sie mir auf einem Steilhang begegnen und ich nebenbei noch rotweiße Markierungen im Blick halten muss. Der Steintrick funktioniert aber der Puls schwillt mir jedes Mal an. Das braucht echt niemand.
Irgendwann kommt auf einem Mal das Plateau mit grünen Feldern und einer grandiosen Aussicht auf das Jordantal und die dorthin mündenden Canyons. Ich brauche kaum Wasser. Das war meine größte Sorge. Wenn ich schon drei Tage durch Gegenden ohne große Infrastruktur laufe, will ich auf keinen Fall dehydrieren. Ich folge der Abbruchkante des Plateaus, bis der Weg mich schließlich zum dritten Wadi hinab führen will... und zwar nahezu senkrecht. Das sehe ich nicht ein, dafür ist die Markierung des Wegs einfach zu sporadisch. Eine durch Regenwasserfluten unbrauchbar gewordene Piste verläuft einen Kilometer weiter in Serpentinen bergab. Das ist nicht weniger anstrengend, aber mental deutlich einfacher. 4 Stunden dauert der verlängerte Abstieg, bis ich schließlich gegen 17 Uhr Wadi Murjib erreiche. In einiger Entfernung landen jetzt regelmäßig die Flugzeuge. Das beruhigt mich sehr, der Luftraum scheint sicher zu sein. Seit heute Morgen gab es keinen Rumms mehr. Auch an Zisternen komme ich vorbei, die direkt aus dem Hang gespeist werden. Eine Quelle scheinbar. Perfekt. Ich fülle gleich vier Flaschen auf. Mag sein, dass das schwer ist, aber noch schwerer sind die Kopfschmerzen zu ertragen, wenn man es nicht hat.
Wadi Murjib kenne ich schon vom letzten Jahr. Da bin ich von der entgegengesetzten Seite durch die Mündung zum toten Meer hin eingestiegen und die Wasserfälle hinauf geklettert. Hier oben ist es ein glasklarer Fluss, in dem weiße Kalkfelsen liegen wie Seerobben. Vor den Gebilden sind durch die Verwirbelungen kleine Pools entstanden. Rings herum sind weiche Sandbänke entstanden. Bis zu meinem Ziel ist es noch 600 Meter, aber das hier ist einfach zu herrlich. Ich bleibe genau hier und schlage mein Zeit auf. Und dann baden. Boaaaah das ist einfach sehr befriedigend, sauber zu werden. Aber die Sonne versinkt schon hinter den Schluchthängen. Also noch schnell Klamotten waschen, bevor es wieder kalt wird. Ich freue mich richtig auf mein kleines Zu Hause jetzt. Ein tolles Gefühl, alles, was man braucht, auf dem Rücken zu haben und nachts darin zu verschwinden wie eine Schildkröte. Und dann noch an einem so herrlichen Platz. Daran könnte ich mich gewöhnen.