Jordan Trail - darab al'urdunu - درب الأردن

01.03.2026 Wadi Hidan

  

Der Tag beginnt mit einem dumpfen, weit entfernten Bumm. Gewitter ist das nicht. Der Iran ballert am Morgen eine Salve Raketen auf Israel, welche sowohl von Israel als auch von Jordanien in der Luft abgefangen werden. Das ist zwar im Norden des Landes aber man hört es hundert Kilometer weit. Es macht ein surreales, mulmiges Gefühl. Nebenan spielt ein Kind mit Familie, der Wasserfall draußen rauscht, die Vögel zwitschern... Bumm.
Beim Frühstück sehe ich, dass das Hotel so gut wie leer ist. Vielleicht noch ein gutes Dutzend anderer Gäste sind da: Jordanier, ein chinesisches Paar und ein Deutscher Vater mit seinem Sohn. Die Angestellten haben Langeweile und füttern die Vögel, die durch die Terassentür ins Restaurant rein und wieder rausfliegen. Die Stimmung ist gelöst, ich werde freudig begrüßt... "Welcome to Jordan!". Bumm.
Das Auswärtige Amt hat über Nacht eine Reisewarnung für den gesamten nahen Osten ausgegeben. Ich soll eine Registrierung bei Elefand machen, sagen sie. Das mache ich auch. Die Nachrichten sagen, dass Chamenei getötet wurde und nun Rache bevorsteht. Israel und USA greifen derweil weitere militärische Ziele im Iran an. Was mach ich jetzt mit all den Informationen? Im Grunde kann ich nichts damit anfangen. Jordanien auch nicht. Die liegen zwar wie ein Sandwich zwischen beiden Ländern, verhalten sich aber ähnlich wie die Schweiz in Europa. Nur Raketen haben nichts in ihrem Luftraum zu suchen und werden runtergeholt. Bumm bumm. Rumms.
Ich gehe in den heißen Pool und geselle mich zu der Familie mit Kindern. Der Wasserfall übertönt die Geräusche und ich kann nachdenken. Also wenn ich irgendwo sicher bin hier, dann doch auf dem Trail durch die Wüste. Niemand ist hier. Und je südlicher ich komme, desto weniger Israel ist noch da. Die Raketen gehen alle in Richtung Jerusalem.

Ich bin zwar erst 7 Stunden im Hotel, beschließe aber gegen 10 Uhr aufzubrechen. Ich will schnell südwärts und damit weiter weg von der Raketenautobahn. "The three wadis" erwarten mich, jeden Tag eine Wadi als Ziel, wobei ich den heutigen ja schon kenne. Aber keine Unterkünfte bis Tag vier. Das wird ein bisschen wie Grönland werden, vermute ich. Ich fühle mich etwas verloren bei dem Gedanken. Zu Hause habe ich 500g Erdnüsse dafür eingepackt. Viel entscheidender ist aber das Wasser. Draußen sind es gerade 12 Grad. Gut, 32 Grad kühler als im Mai. Also dann los.
Erstmal Straße, 600 Höhenmeter bergauf. Puh, ich muss mich erstmal wieder gewöhnen, wie immer und beschließe, jede mir angebotene Mitfahrgelegenheit zu nutzen, wenn sie kommt. Die Wüste ist erstaunlich grün um diese Zeit und der Wasserhaushalt in mir bleibt erstaunlich stabil. Ich komme auf eine Hochebene mit versprengten Beduinenzelten überall. Sogar Dromedare stehen herum. Zwei Beduinen nehmen mich jeweils ein Stück mit, bis sie meine Strecke verlassen und so kann ich drei vier Kilometer sparen und stattdessen ein wenig plaudern... so gut es halt möglich ist. Es ist vor allem ein stetig bestätigendes Unverständnis, das uns bei Laune hält. Es ist zum Glück wie letztes Jahr. Die Leute freuen sich immer noch sehr, mir helfen zu können. Viele wohnen hier allerdings nicht mehr und die Straße bleibt weitestgehend autoleer. Zur Hälfte des Wegs geht es schließlich durch eine trockene Schlucht hinab zu meinem heutigen Ziel... was leider bedeutet, an vielen Schafherden mit entsprechenden Hundestaffeln vorbei zu manövrieren. Am Horizont sehe ich die Bürotürme von Jerusalem in etwa 50 Kilometer Entfernung und bin froh, das hinter mir zu lassen. Das Rumms und Wumms wird leiser, je weiter ich voranschreite. Entweder, die Raketen sind außer Hörweite oder irgend etwas Politisches wurde gemacht. Zum Glück habe ich kein Internet hier, sonst eüsste ich nur Details, die mich nicht weiterbringen. Ohnehin weiß ich immer schon eine Stunde vor der Tagesschau-App, dass ein Raketengriff gestartet wurde. Es macht sehr demütig, dass wir in einem Land leben dürfen, in dem es als großes Problem gilt, wenn die Bahn ausfällt.
Gegen 16:30 erreiche ich schließlich den Wadi Hidan, den zweiten der drei nach Ma'in. Und er fließt und glitzert in der Sonne. Lauter kleine Pools sind entstanden und ich werde unerwarteter Weise baden und sauber werden können. Es ist herrlich hier, wenn noch alles grün ist. Überall riecht es nach Blumen aller Art. Mein Zeit stelle ich auf einer Insel im Fluss auf, bade, wasche meine Sachen und breite die Solarzellen fürs Telefon laden aus. Meine kleine Raumstation. So habe ich mir das vorgestellt. Wenn die nächsten Etappenziele so sein sollten, vermisse ich nichts.
Der Mond geht auf, es plätschert von rechts und links, Frösche quarken... kein Bumm mehr. Zeit zu schreiben und die nächste Etappe zu skizzieren. Die Sonne geht schließlich um 18 Uhr unter und mir wird schlagartig bewusst, dass ausschließlich die Sonne Temperatur erzeugt hat. Auch hier ist noch Winter und es wird klirrend kalt. Und ja, diesmal habe ich eine Jacke dabei!