28.02.2026 Teil 2 | ᐸ ᐳ ᐱ |
Vieles ist so gleich geblieben seit damals. Das Stephanushaus ist eine regelrechte Zeitkapsel. Nichts wurde renoviert. Die Kinder stört das nicht und wir hatten für wenig Aufwand eine Menge Spaß.
Nur durch die Welt rings umher geht ein Ruck. Frances steht in der Küche. Die USA haben gemeinsam mit Israel tatsächlich den Iran angegriffen. Es war wohl schon lange so geplant. Und es passiert, als ich gerade losfahren will zum Flughafen Düsseldorf, um meinen Flug nach Amman zu nehmen. Zweieinhalb Monate früher, dachte ich mir, werden mich davor bewahren, noch einmal bei 44 Grad im Schatten durch die Wüste laufen zu müssen. Der Plan geht auf. Mich erwarten strahlender Sonnenschein bei 17 Grad am Tag und bis zu -1 Grad in der Nacht laut Vorhersage. Das klingt gut. Das klingt auch nach Jacke und dicken Schlafsack mitnehmen, denn ich werde voraussichtlich deutlich weniger Unterkünfte finden auf dieser Etappe, die in Petra enden soll.
Heiß geht es zwischen den verfeindeten Nachbarländern her. Und mir dämmert langsam, dass sich das auf meine Reise auswirken kann. Bin ratlos, was ich machen soll, da schickt mir die Deutsche Bahn ne SMS. Zug fällt aus, ich möge mir eine Alternative suchen. Dann noch Streik im Nahverkehr. Ich soll wohl nicht weg, keine Ahnung. Der RE11 nach B fährt aber 45 Minuten verspätet... den könnte ich gerade so erwischen. Also los.
Im Zug sind alle. Es ist voll. Wir fahren hinter der Eurobahn her. Also halten wir ebenfalls an jeder Milchkanne, weil wir nicht vorbei können. Ich nehm das Handy raus und zögere, die Tagesschau App zu lesen. Ich will das gar nicht wissen.
Der Iran holt schon zum Gegenschlag aus und schießt Raketen auf Israel. Die Lufträume sind zu. Lufthansa, Qantas, Wizzair und einige andere canceln die Flüge in den nahen Osten bis zum 7.3. Innerlich stelle ich mich darauf ein, dass gleich eine SMS von Royal Jordanian kommt, dass auch mein Flug gestrichen wird. Erst mal kommt aber die Meldung, dass mein Zug schon in Duisburg endet, weil der nächste RE11 diesen hier bereits von hinten einholt. Es soll wohl nicht sein.
Dann tatsächlich eine SMS. Mein Flug ist... verspätet. 2 Stunden. Hmm... Das Auswärtige Amt warnt nicht. Jordanien ist nicht im Visier. Aber Israel muss von Süden her wohl umflogen werden, lese ich.
Irgendwann bin ich dann mit irgend einem Zug doch im Terminal angekommen und tue erstmal so, als wüsste ich nichts. Yaser, mein jordanischer "Freund" vom letzten Jahr schickt mir per WhatsApp schon ein Foto eines Papierschildes, das er am Flughafen hochhalten will, wenn ich komme, Wenn, dann wird das eher in der Nacht sein. Es stört ihn nicht, sagt er. Er fährt mich hinunter zu den heißen Quellen von Ma'in, wo ich den Weg morgen wieder aufnehmen will.
Ich kann einchecken, gehe durch die Kontrolle. Am Gate erfahre ich, dass der Flughafen Amman für 2 Stunden gesperrt war, daher die Verspätung. Aber RJ wird fliegen. Als einzige Gesellschaft.
Um 18 Uhr ist es dann soweit. Viel Rumtelefoniererei um mich herum. Viele Familien mit Kleinkindern, die nach Hause wollen, daneben ich und noch ein anderer Tourist mit einer Gitarre auf dem Rücken sind die einzigen, die Europäer sind auf dem Flug. Er stellt sich neben mich. Er will Freunde besuchen in Amman. Musik machen. Und dann dieser scheiß Krieg, sagt er. Da fliegt er einmal nach 12 Jahren und dann sowas. Die Welt wäre doch gerade einfach nur scheiße. Aber gut, Jordanien ist nicht Israel und auch nicht der Iran. Und so fliegen wir los.
Jordanien kennt die Zeitumstellung nicht, also bin ich dieses Jahr nicht eine sondern zwei Stunden weiter in der Zukunft. Lieber noch schnell dem Hotel schreiben, dass es sehr spät wird.
Bis Zypern geht die Route direkt auf Amman zu, bis der Flieger schließlich den Knick in Richtung Ägypten einschlägt, um einen Bogen um Israel zu schlagen und südlich über Aqaba in Richtung Amman zu steuern. Der Krieg lässt Haken schlagen. Der Flughafen von Amman ist offensichtlich verwaist. Nur ein paar RJ Maschinen stehen herum, andere Fluggesellschaften landen anscheinend nicht mehr. Im Terminal wartet um 1 Uhr Ortszeit geduldig der Bruder von Yaser auf mich mit einem "Oliver" Schild in der Hand, um mich abzuholen. Noch schnell die jordanische Sim-Karte besorgen und los geht's in Richtung Ma'in. Es ist kalt! Waren es in Düsseldorf noch 20 Grad, so sind es jetzt nur noch vier. Und das in einem Wüstenstaat. Scheiß Krieg, sagt auch er. Keiner käme mehr. Den Angriff zwischen Iran und Israel haben gestern Abend viele live verfolgt hier. Nicht im Fernsehen, sondern auf den Hausdächern. Die Raketen fliegen über Jordanien hinweg. Israel, die USA und Jordanien fangen die meisten ab, aber zwei drei hätten Jerusalem getroffen. Während wir nach Ma'in durch die Nacht fahren, sehe auch ich welche am Horizont. Sehr schnelle gelbe Punkte, die wie Düsenjäger klingen, fliegen nördlich von Amman in Richtung Israel. Der Bruder zuckt die Schultern. Im Sommer wäre es schlimmer gewesen, da kamen hunderte gleichzeitig, meint er. Die Leute säßen draußen mit Ferngläsern, um neugierig zu gucken. Jordanien wäre ja raus aus dem Spiel. Nur den Luftraum sollten sie schön in Ruhe lassen.
Es klingt genauso surreal wie die Schilderungen in Tolstois "Krieg und Frieden": gewichtige Männer bestimmen das Schicksal der Welt, während unter den Raketen das tägliche Leben mit den alltäglichen Problemen einfach so weitergeht, als gäbe es das alles gar nicht.
Das Hotel empfängt mich auch nachts um drei und ich kann sogar noch in den heißen Quellen planschen gehen, während die Luft diesmal nicht saunaheiß ist, sondern winterlich kalt. Ich bin also tatsächlich wider aller Umstände am Zielort angekommen.
