Wanderer über dem Nebelmeer

08.09.2020 Pico de la Cruz

Halb Neun. Eigentlich wollte ich um 7 Uhr los. Aber da war es noch stockfinster. Das ändert sich schlagartig um 8 Uhr. Es ist wieder schwülwarm draußen. Alle schlafen noch. Außer Emilio. Er spielt mit den Hunden und kommt mir entgegen gerannt. Er will mir noch für heute viel Erfolg wünschen. Ich verabschiede mich auch von Sabrina und Simone, die jetzt doch mit Herrn Bunt posieren wollte, und gehe los.
Direkt unter dem Haus ist der Aufgang des GR 131. 1800 Höhenmeter am Stück also. Das Gute für's Gemüt: Es geht bis zum Gipfel stetig und gleichmäßig auf dem Grat der Caldera de Taburiente bergauf. Es könnte einfach ein Alpenbergkamm sein. Ist es aber nicht. Nimmt man eine Kranichperspektive ein, erkennt man, dass es eigentlich ein gigantischer Rundwanderweg um einen einzigen, runden Vulkankessel ist. Schnell beginnt der Kiefernwald und Weinplantagen. Die Kiefernnadeln bilden so einen dichten weichen Teppich, dass ich bis zur Baumgrenze ungehindert barfuß laufen kann. Der ganze Weg ist gesäumt von Kiefern, die bis auf 2100 Höhenmeter Schatten bringen. Ich muss zugeben, dass die Barrancos des Camino Real dagegen eine kräftezehrendere Herausforderung waren. Nur an Wasser hab ich nicht gespart und 5 Liter dabei, was so gerade eben ausreicht. Alle Nase lang kann man über den Kamm in die Caldera schauen und mit jedem Anstieg wird es beeindruckender... Ich fotografiere mich also langsam aber sicher hoch, ohne wirklich zu merken, welches Tempo ich habe.
Nach 5 Stunden erreiche ich die Baumgrenze und die Teleskope des Observatoriumparks. Faszinierende Dinger, finde ich. Science Fiction irgendwie, so selten, wie man sie so nah zu Gesicht bekommt. Aber hier oben soll der Himmel ja so klar sein, das kann nur noch das Hubble übertreffen. Na ich werde es heute Abend ja sehen. Hier oben gibt es keine Unterkünfte. Ich habe noch keinen Plan, wo ich übernachten soll.
Nach 6 Stunden erreiche ich den Roque de las Muchachos, höchster Punkt der Insel mit 2435 Höhenmetern. Ein eher demotivierendes Ziel, denn ich bin dort versammelt mit lauter maskierten Touristen, die mit dem Auto hochgefahren sind und sich ärgern, dass sie nicht auf die Aussichtsplattformen dürfen. Tja, die bessere Aussicht hatte sicherlich ich, aber warum dürfen die nicht auf die Plattform? Corona etwa?! Ich erfahre vom Gipfelsheriff des Nationalparks, dass wohl gestern eine Hitzewarnung rausgegangen ist. Stimmt, selbst hier oben sind es 34 Grad. Alle Wanderwege der Insel gelten als geschlossen. Das bringt mich nur in ein gehöriges Dilemma. Muss nachdenken und fülle erstmal die Flaschen wieder auf. Der Gipfel verfügt natürlich über einen Wasserhahn. Im Gegensatz zu den anderen Hähnen in der Wildnis, wusste ich über diesen aber Bescheid, sonst wäre ich hier nicht raufgegangen. Allerdings nur Regenwasser, eine Antibakterientablette muss her. Was hätte ich machen sollen? 10 Liter Wasser mitschleppen? Wasser komprimieren zu Powerriegeln? Beides unrealistisch. Ich laufe beim Wandern nunmal leider aus wie eine undichte Flasche.
Ich beschließe erst einmal auf der Straße zu laufen, bis sie in 7 Kilometern wieder auf den GR 131 trifft. Ich möchte jetzt nicht einfach abbrechen. Ein Rabe wird mein Begleit-Tier. Er weiß wohl, dass Wanderer wie ich eine verlässliche Futterquelle sind. Aber nicht mit mir. Sowas kann ich in der Nacht nicht gebrauchen. Irgendwas Nachtlageriges wird schon kommen, da vertraue ich mal auf mein Glück. Dieses Irgendwas kam dann auch in Form des Pico de la Cruz. Ein 2351 Meter hoher Gipfel mit Wetterstation oben drauf und einem breiten, windgeschützten Platz darunter. Ich beschließe hier unter freiem Himmel zu übernachten, ein Zelt hab ich nicht dabei und zum Refugio ist es mit 10 Kilometern zu weit. Die Sonne geht vorher unter. Schlafsack hab ich, Wasser und Nüsschen, was braucht man mehr. Lieber noch Teleskophausen in der Abendsonne ablichten. Wann sieht man denn sowas schonmal? Es ist wolkenlos. Na dann will ich das Naturplanetarium über mir mal sehen und hoffentlich die Nacht gut überstehen. Ich werde von den vorbeifahrenden Touristen nur etwas verständnislos angeschaut. Was macht man hier oben abends um 19 Uhr ohne Auto? Bis Santa Cruz sind es 36 Kilometer. Hmm... dass aber auch keiner fragt, ob ich mit runter will.
20:15 Uhr ist die Sonne weg und mit ihr schlagartg die Wärme. Ja gut, was hab ich erwartet, ich schlafe auf einem Gipfel. Der Boden ist noch sehr warm. Muss an unsere Freiluftnacht auf dem Jakobsweg denken, als Ina und ich "on the beach" übernachtet haben. Nun, das wurde aber dann durchaus kalt, erinnere ich mich ebenfalls! Ich wickel mich also in drei Lagen Sachen und in den Schlafsack ein, binde mir ein Tuch um den Kopf als hätte ich Zahnschmerzen und setze den Buff auf. Das muss reichen, mehr hab ich nicht. Ich schaue, wie langsam lauter kleine Lämpchen am Himmel angehen, dann kommt die Milchstraße. Ooooooh ja. Die Teleskope machen hier Sinn. Das wird gar nicht richtig dunkel.
Die Nacht verlangt all meine Meditationsfähigkeiten ab. Der Untergrund ist hart, es WIRD kalt, es bläst ein Windchen in die Nähte meines Schlafsacks, eine Maus klaut meine Kekse, ich liege mit dem Kopf auf einer leeren Colaflasche als Nackenrolle. Zwei Stunden lang kann der Nachthimmel gut ablenken, dann weiß ich nicht mehr, wie ich liegen soll. Der Schlafsack hat den Komfort einer Zwangsjacke. 22:15 Uhr.... es wird wann wieder hell genug?

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