Wanderer über dem Nebelmeer

09.09.2020 Pta. de los Roques

Irgendwann um 7 Uhr schaue ich das letzte Mal, wie spät es ist. Immer noch komplett dunkel. 30 Minuten später ist es hell genug um zusammenzupacken. Ich stehe auf, schaue runter zur weit entfernten Küste und befinde mich über den Wolken. Tolles Panorama. Im Morgendunst geht ein fahler gelber Ball irgendwo in der Mitte des Himmels langsam auf.
Fast 11 Stunden nachtwach. Ab und an vielleicht ein Minutenschläfchen. Eigenartigerweise fühle ich mich trotzdem komplett ausgeruht. Hmmm... gut, mir sind mehrmals Gliedmaßen eingeschlafen, aber ich kann mich nicht wirklich an Schlafphasen erinnern. Nur daran, dass es mir egal war und ich einfach weiter beobachtet habe, wie die Milchstraße von links nach rechts zieht und allmählich durch einen scheinwerferhellen Halbmond ersetzt wurde. Ich bin erstaunt, wie lange man wach bleiben kann, wenn man keine zwingende Erwartung hat einzuschlafen. Ich werde im kommenden Refugio schon Zeit für's Nachschlafen finden. Doch die Kälte nervt immens. Es muss so um die 10-12 Grad sein.
Ich entscheide mich trotz der Wetterwarnung zum Weitergehen. Meine heutige Etappe bleibt über der Baumgrenze und verläuft 3 Stunden lang weiter direkt auf dem Grat der Caldera. In dieser Zeit kommen mir wie im Zeitraffer rückwärts Wegweiser hinunter zu Küste mit allen Ortschaften entgegen, durch die ich die letzten Tage bekommen bin. Immer etwa 13 Fußkilometer weit von mir entfernt. Mein Rabe ist auch wieder da. Toll anzusehen, aber bleibt der jetzt?! Ein paar Bauarbeiter bessern Wegstücke vor mir aus, rauchen Zigarette... die Wetterwarnung ist wohl nur für Touristen?! Also Wanderer wie ich werden heute sicherlich kein Feuer auslösen. Ich frage mich ohnehin worin der Sinn besteht, bei Hitze einfach das komplette Wandernetz der Insel offiziell dicht zu machen. Es wird wohl Versicherungsgründe haben. Aber der Rabe findet Bauarbeitermenschenmengen größer Eins zum Glück erfolgversprechender, um Frühstück abzustauben. Ich komme zügig durch, werde tatsächlich immer noch nicht müde oder kaputt und erreiche kurz vor Mittag das Refugio Punta de los Roques. Ein Trockenmauerhäuschen, das an einem Fels direkt am Ende des Calderakraters klebt mit bombastischem Ausblick auf den Roque de Los Cuervos, den ich morgen anpeilen will. Das Haus ist für 12 Personen ausgelegt. Holzpritschen mit Luftmatratzen. Es ist keiner da. Ein Regenwassertank sichert die Wasserversorgung. Boah, soll ich hier echt nur Pause machen? Ich berechne mittels GPS den Weg bis zur morgigen Kreuzung des GR 130 mit 29 Kilometern, verhältnismäßig geringer Höhenvarianz und ohne Kerbtäler. Das traue ich mir zu. Die nächste Übernachtungsmöglichkeit in 10 Kilometern wäre wieder ohne Haus. Ich bleibe hier. Lieber schlafen. Morgen hab ich ein Hostel gebucht.
Das Gästebuch zeigt, dass seit dem 1.9.2020 hier tatsächlich immer wieder Leute übernachtet haben. Die Wetterwarnung hat alle bis auf zwei Tageswanderer und Bauarbeiter verscheucht. Seeehr gut. Ich fülle das Regenwasser in meine Flaschen. Erstmal duschen... und bekomme einen kurzen Schock. Es wird mir erst jetzt richtig deutlich, wie kühl die Luft ist und wie sehr die Sonne brennt, wenn man nass ist und die Sonne für kurze Zeit ihre Wirkung verliert.
Tja, dann ist das ja auch erledigt und nun?... Ich hab echt viel Zeit hier oben, merke ich. Keine Berieselung durch andere Attraktionen außer dem Granatenausblick und dem Rauschen der Kiefern. Das muss man erstmal aushalten lernen. Was mache ich denn jetzt? Ja komm, dann zeichne doch was, bis es dunkel wird!

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