Wanderer über dem Nebelmeer

03.09.2020 Barlovento

Mannomann, das Interieur samt Geruchskulisse könnte von 1950 sein. Ich liege auf meinem Grand Lit Incredibile, irgendwo über mir schnarcht Diego und ich schaue auf ein Oberlicht neben meiner Dusche (ja, im Schlafzimmer) und warte, dass es hell wird. Mal auf die Uhr schauen... 9 Uhr. Wääs? Warum? Ich gehe vor die Tür und mir knallt die Sonne ins Gesicht. Nun ja, die Spanier mögen es dunkel, hab ich ja gelernt. Ich fühl mich immer noch schwer. Bis Barlovento sind es etwa 10 Kilometer. Das muss auch reichen für heute. Ich hoffe, dass es wieder nur die Akklimatisierung ist. Ich zapf mir noch eine Banane vor der Tür und latsche runter zur Brücke nach Los Sauces. Auf den Namen muss man erstmal kommen, denke ich vor mich hin, während ich denke, dass ich gerade nicht wirklich denke und verdrehe vor mir die Augen. Natürlich heißt Los Sauces nicht "die Soßen", aber mein kindisches Dasein will es so. Los Sauces heißt "die Weiden". Aber wo weidet man hier? Auf Steilhängen zwischen Bananenstauden?! Denn die Brücke überspannt eindrucksvoll ein mit Bananenplantagen übersätes barranco. Weit unten schäumt das Meer an die Klippen. Mich zieht es heute 600 Höhenmeter hinauf. Die Motivation ist heute allerdings schon eine ganz andere, auch wenn meine Schultern sowas wie Muskelkater signalisieren... Die Schultern? Ja, meine Beine nicht, nö. Na gut, die kennen das. Kurz zuckt in mir der Gedanke auf, auch hier wieder nur die Straße zu nehmen. Aber 4 Kilometer Mehrweg sind dann doch ein Argument für die Abkürzung. Also ab ins Grüne. Es wird sowieso immer feuchter hier. Hab ich doch glatt vergessen, wie anders das hier war im Vergleich zu den anderen Inseln. Vor 12 Jahren haben Corinna und ich in Barlovento gewohnt. Das Damals wirkt wie ein anderes Leben. War es ja auch irgendwie. Andere Zeit, andere Beziehung. Völlig andere Zukunftsvorstellung mit vielen Zukunftsängsten und einer ordentlichen Portion bornierter Selbstverständlichkeit im Kopf... andere Geschichte. Das Hotel von damals soll auch für die nächsten zwei Nächte mein Ziel sein. "Das soll ich mir erst verdienen", sagt der Camino Real und schickt mich in die Dornröschenhecke vor dem "Schloss". Das zwar erwartete Kerbtal mit einer Handvoll Höhenmeter war aber wider Erwarten matschig wie ein Sumpf und voller Dornensträucher. Statt meiner Nicht-Schuhe hätte ich Gummistifel und einen Angleranzug gebraucht. Schwarzrot punktiert und bekleckst komme ich auf dem gegenüberliegenden Höhenkamm in einer Art Neubausiedlung heraus, bestehend aus einer Straße direkt auf dem Kamm, an dem links und rechts kleine Terrassenhäuschen in die Steilwand betoniert wurden. Zwei ältere Herrschaften spritzen gerade ihre Terrasse ab und glotzen mich ungläubig an. Kein buenos días oder so. Ja, ich sehe gerade scheiße aus. Ihr könntet MICH ja mal abspritzen!
Über mir thront besagtes "Schloss", das Hotel Palma Romántica. Boah, so lassen die mich nie rein. Ich krieche die Steilstraße hoch, während ich mir krampfhaft eine Säuberungsstrategie überlege. Hmmm... so viel schwitzen, bis alles runter läuft? Nee. Trocknen lassen, bis es blass wird? Klappt nicht, das Zeug ist pechschwarz. Ich sehe mich nach Plantagenzisternen um... tja.. hier oben nicht. Meine Eitelkeit lässt mich mein Trinkwasser für das Gröbste verbrauchen. Mann, das wird peinlich werden.
Ein verlassenes Haus kommt mir links entgegen. Davor ein Wasserhahn. Wunschdenken, das glaubst auch nur du.... Ich drehe auf und brühwarmes Leitungswasser sprüht mir entgegen. Der Zufall rettet mich mal wieder. Schon bemerkenswert. Das ist jetzt mindestens das vierte Mal bei meinen Wanderungen, dass das Wasser genau dann da ist, wenn es am dringendsten benötigt wird. Auf Kreta die Pumpstation 2017 mitten im Nichts oder die zerfallene Zisterne auf La Gomera... ich hab schon Glück irgendwie.
Den Rest laufe ich auf der Landtraße, komme vorbei an einem Outdoorfitnessstudio mitten in der Pampa und erreiche ziemlich sauber das Hotel. Der Parkplatz ist leer. Corona war gründlich. Zwei Autos. Ich werde mit Sprühflasche empfangen. Das Hotel schläft einen Dornröschenschlaf. Zwei Gästepaare und ich sind hier und belegen drei Zimmer im Erdgeschoss. Der Rest ist verschlossen. Der Innenpool ist tabu, Sauna ebenso. Kein Buffet. Gefrühstückt wird gemeinsam mit Familie Rodríguez, die das Hotel besitzt. Wir kriegen alles, sagt man mir. Ja mei, besser als wenn es zu wär. Aber ich verstehe, wie existenzbedrohend so eine kleine RKI-Warnung sein kann.
Das Hotel ist ein Kleinod in den Bergen mit der Anmut eines Parador Hotels. Damals sind wir hier oben unverhofft in eine Suite gelangt, weil in unserem zum Hotel zugehörigen Ferienhaus an der Steilküste eingebrochen wurde und eine lange Ameisenstraße die Küche durchquerte. Glück im Unglück. Wie es dort unten am Meer jetzt wohl aussieht? Es war eigentlich richtig schön dort. Vielleicht erkunde ich das morgen.
Hier oben ist es kühl und trocken. Ich leg mich auf's Bett und muss schon wieder schlafen. So kenne ich mich gar nicht. Heute Abend hole ich mir Käse und Brot aus Barlovento und dann will ich nix mehr wissen. Puh, viel mehr werde ich morgen wohl auch nicht tun, fürchte ich. Was zeichnen vielleicht. Ich glaube, ich brauche diesmal mehr Ruhe als das reine Wandern zum Ankommen. Es fühlt sich eine depressive Anwandlung an. Was soll das, Oliver? Lass das! Der große Ritt auf den Vulkanen kommt ja erst noch und da will ich fit sein... wenn die Streckenverwaltung die Wege auch schön offen lässt.

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