Wanderer über dem Nebelmeer

02.09.2020 Los Sauces

Es geht nebelig los. Kann mir nur recht sein. Heute wird eine lange Strecke sein und jeder Tag ohne Sonnencreme ist ein schönerer Tag. Nach all den Fernwanderjahren bin ich ganz schön gut im Etappeneinschätzen geworden. 11 Kilometer Luftlinie, das heißt für mich 25 Kilometer und jede Menge Höhenmeter. Die ersten 10 Kilometer heraus aus Santa Cruz lasse ich viele "idyllische" Schlenker des GR130 links liegen und gehe entlang der LP1. "Nehmen Sie doch dieses nette Seitental und einen Umweg von 2 Kilometer in Kauf, um 400 Meter weiter von hier wieder auf die Straße zu gelangen, auf der Sie bereits sind..."? Nur wenn's dafür ein Fleißstempelchen ins Stempelheft gibt! Gibt's aber nicht.
Die zweite Hälfte wird eh noch anstrengend genug und hier folge ich auch brav dem Weg. Er geht wunderschön an der Steilküste entlang und durch viele Bananenplantagen. Überall riecht es nach Fenchel. Hier wächst ein ganzes Frischhalteregal von Sachen... Mangos, Äpfel, Zitronen, Salatköpfe, Tomaten, überall Bewässerugsanlagen, die das Wasser von den Bergen in die Felder leiten... ich werde nass, sitt und satt.
Das Laufen fällt mir aber schwer. Ich weiß nicht genau wieso. Eigentlich ist alles wie immer, nur will mein Kopf nicht so recht. Heute Abend gehts zu jemanden privat ins Haus, den ich nicht mehr erreichen konnte. Ich merke, dass mich eine unklare Ankunftssituation träge macht. Am vermeintlichen Zielort als GPS-Koordinate finde ich mich auf einer Straße mit 30% Gefälle, aber ohne Haus wieder. Ein Mann spricht mich an, ohne mich anzuschauen. Ich bin verwirrt und versteh kein Wort. Eine alte Frau kommt dazu, der Mann spricht weiter und dreht sich weg. Hmm... muss 'ne Verhaltensstörung sein. Ich frage die alte Frau nach einer habitación und wow, sie versteht mein Spanisch. Das ist toll! Aber 'ne Wohnung hat sie trotzdem nicht. Also rufe ich noch einmal die Nummer meiner Nimmerlandsunterkunft an und es geht endlich jemand ran. Nur Spanisch. Ich mache ihm klar, wo ich stehe. 5 Minuten später steht ein 40 Jahre alter Minilaster samt Hund neben mir und lädt mich ein. Es geht rauf in die Berge. "¿De dónde eres?" Oh das verstehe ich. Paderborn! "Ah! Frankfurt?" ...nähm... Sí. Irgendwann sind wir auf einer kleinen Finca angekommen. Ich wohne unterhalb seines Hauses in einer großen Wohnung und blicke hinunter ins Tal auf den großen Brückenbogen vor Los Sauces. Der Besitzer Diego hängt mir eine Bananenstaude vor die Tür und weist auf seine Tomatenstauden im Garten. Genial, der Weg zum Supermarkt erübrigt sich für heute. Wir quasseln noch ein bisschen Spenglisch über Corona und wie doof das ist, da erreichen mich schon die ersten Whatsapp-Nachrichten, dass das Auswärtige Amt nun auch vor den Kanaren warnt. "Die Kanaren sind ab sofort tabu", sagt der WDR. Hmm... muss zugeben, dass sich das jetzt doch etwas komisch anfühlt in der Tabuzone zu sitzen. Gleichzeitig bin ich froh, gerade noch so rausgekommen zu sein, ohne dass ich mir Gedanken über Lohnfortzahlung machen muss. Arbeiten geht ja auch prima im Homeoffice, wie uns Corona eindrucksvoll gelehrt hat. Die Kameras an den Laptops sind nicht nur als Klebestelle für Plaster da.
Aber es fühlt sich auf einmal mulmig an. Ich zapf mir noch eine Banane von der Staude und informiere lieber alle ausstehenden Unterkünfte, dass ich schon auf der Insel bin und komme. Aber naja, bis auf zwei Hotels sind alle Unterkünfte ja sowieso in privater Hand.
Ein echt schönes Fleckchen hier oben, das Diego sein Zuhause nennt. Wenn man ihn findet! Zwar ist alles sehr improvisiert, aber das ist halt so. Es wird kühl. Ich wickel mich in Decken vor der Haustür ein und schaue zu, wie der Himmel zum Regenbogen wird.

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