Da, wo das Wetter gemacht wird...

26.08.2018 Hermigua

Fred Olsen. Der verdient sich mit seinem doch langsam alternden Katamaran eine goldene Nase. Verbindet seit 1998 Teneriffa und La Gomera mit 65 km/h, Kotztüten hängen an den Treppenaufgängen. Seit ich 2000 hier war weiß ich: ganz hinten quer zum Bug sitzen.
La Gomera bekommt keinen internationalen Flughafen. Das ist gut. Und der wachsende Kreuzfahrttourismus macht es noch unwahrscheinlicher. Das ist schlecht. Kreuzfahrttouristen sind unbeliebte Gäste und bringen, wie in Nuuk, der örtlichen Wirtschaft herzlich wenig. San Sebastián ist ein schnuckeliges Inselhauptstädtchen. Macht was her. Kein Vergleich zu Los Cristianos. Und erst recht kein Vergleich zu kretischen Städtchen. Hier lässt sichs leben. Unweit vom Hafen prangt auch eine uv-gegerbte Infotafel für Besucher wie mich: Der GR132. Mein Zu Hause für die nächsten zwei Wochen. Estás aqui. Und da gehts lang. Rauf in den Norden bis ins 28km entfernte Hermigua. 22 Grad. Sonne. Sonnencreme LF 50. Wichtig. 10 Std. brauche ich sicherlich. Und los.
La Gomera macht Wetter in Mikrokosmen. Und das wird schnell klar. Die Hauptstadt liegt noch in der Wüste und es geht auf Hochebenen gesäumt mit Kakteen und Palmen. Überall rascheln Echsen. Der Weg ist ne Bombe. Hier wollte wer, dass gewandert wird. Let's GOmera wortspielt ein Slogan von 2004, den man hin und wieder liest. La Gomera als Hikerparadies. Ob das hier funktioniert hat? Bis Hermigua wandere ich gänzlich allein. Zwei überraschte Jogger kommen mir auf einem Abschnitt entgegen. Einer klatscht in die Hände. Hay es un hombre! Dabei hat schon die erste Etappe viel zu zeigen. Jede Kammüberquerung bedeutet einen Klimawechsel von Wüste zu Dschungel und umgekehrt. Es geht rauf bis auf 800 Meter. Auf den Lufseiten der Berge sammeln sich Wolkenschwaden, um leewärts sofort zu verdunsten. Die berühmten Wolkenfälle. Und ich mitten drin zwischen 0 und 100% Luftfeuchtigkeit. Herrlich. Puh, aber 28km rauf und runter sind zu viel. Es gibt keine Zwischenorte. Ich hab mit 2 Litern viel zu wenig Wasser für mich dabei und bekomme eine pulsierende Migräne. Aklimatisation und Wassermangel sind eine schlechte Kombination für den ersten Tag. Der halbe Weg führt entlang eines glucksenden Bewässerungsrohrs. Was für eine Folter! Jedes Ventil checke ich auf dem Weg, ob das Schloss der überdeckenden Metallkästen kaputt ist. Irgendwann dann ein Semierfolg. Notgedrungen fülle ich an einem Zulauf einer verfallenen Zisterne den Wasservorrat auf, zu der ich das Wasser tatsächlich umleiten konnte. Glück gehabt. Das hätte anders laufen können. Bis Hermigua brauche ich weitere 3 Liter. Gegen Abend steigen die Wolken bis in die Täler hinab und machen alles wieder schön, bis ich gegen 19 Uhr im zersiedelten Hermigua ankomme. Bananenplantagen und versprengte Häuser aus dem 19. Jhd. Ein paar Wohnklötzchen, ein ausgetrocknetes Flussbett. Tourismus kommt hier nur mit Mietwagen zum Hi sagen vorbei. Ich wohne in einem Privathaus in der Form eines Bentonpfostens zwischen zwei Häuser geklemmt, in einer doppelstöckigen Wohnung. 3m breit vielleicht. 10m lang. Eine Tür im Obergeschoss führt auf den nicht existierenden Balkon. Tjo, solange ists halt ein bodentiefes Fenster. Der Besitzer über mir singt seinen beiden Hunden Bob Marley vor. Kein Internet. Im Fernseher läuft nur Spanisch. Hmpf. Es ist zu früh zum Schlafen, obwohl ich hundemüde bin. Disney Channel. Dem kann ich mit meinem A2-Spanisch folgen. Vor allem, weil das Gezeigte simpel genug ist. Na mal sehen, was ich seit Disney Club auf RTL 1993 verpasst hab... Pato Aventuras. In aufgestyled. Tick Trick und Track haben jetzt Smartphones... und gendergerecht eine Schwester. Dann flimmert die gleiche reizüberflutende Scheiße an Werbung über den Bildschirm wie früher. Geox Schuhe mit LED-Laufbändern an den Versen, auf die man per Handyapp Lauftexte programmieren kann. Nintendo Switch Mario Cart 8 Deluxe Brottaschen für die Schule, damit man das Brot nicht anfassen muss. Dann eine Animeserie. Ein Schulmädchen, das sich in einen Marienkäfer verwandeln kann, um dann wie bei Street Fighter mit extra animierten Blödsinnswaffen gegen den bösen Schmetterlingsmanipulatormann in einem strikt vorgegebenen Erfolgsritus kämpfen zu können. Dabei hilft ein Jüngling im Katzenkostüm, den sie ewig aufs Neue vergeblich umschwärmt. Die wahre Identität bleibt verborgen. Drei Folgen später ist das Konzept durchschaut und ich bin reizagressiv. In 6 Monaten bekommen wir ein Kind. Wie schaffe ich es, dass es selbst erkennt, dass das überdrehte Kacke ist? Rumgrübelnd überkommt mich ein stechender Hunger. Es domingo. Der Spar hat zu. Quer durch den Bananendschungel ist laut Navi ein Restaurant. Also hin. Eine Deutsche. Vor 20 Jahren ausgewandert. Sie führt das Restaurant und serviert ein superleckeres Tunfischsteak auf der Dachterasse mit Blick aufs Meer durch salzverklebte Windschutzscheiben. Die Meeresbrandung ist enorm und hüllt das schmale Kerbtal in ein stetiges Donnern und Grummeln. Ein paar Surver surven. Unten bei der alten Fischfabrik. Ein paar Einheimische und einige einheimisch gewordene Deutsche essen bei LED Schein, das aus einem Gepflecht in alten Weinflaschen strahlt. Im Restaurant El Piloto nebenan unterhalten sich ein paar Männer in stakkatohaftem Spanisch vor laufendem Fernseher lautstark über Alltägliches. Es wirkt etwas komisch. Irgendwie seperiert. Hier ist gedämpfte Stimmung. Ist das der Traum vom Aussteigen? Hier?...
"Einen Honigrum? Geht aufs Haus. Bist du Surver? Na mit den langen Haaren und so. Insel umrunden? Ooooh. Das ist selten. Gute Weiterreise. Ich geh jetzt schwimmen. Hab mich mit der Nachbarin verabredet. Die kommt aus Münster. Mach ich jeden Tag..."
Nein. Nicht hier.



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