Oliver

26.08.2016 Tralee

Die Strecke von gestern steckt uns noch gut in den Knochen. Unsere Landlady sieht das und bietet uns an uns bis nach Camp zu fahren, wo dir dann die restlichen 17km noch laufen können. Nun, die 10km haben wir gestern locker zuviel gelaufen, von daher nehmen wir das Angebot doch an. Schließlich wartet heute Abend auf uns das Rose Hotel mit Sauna und allem Pipapo. Da wollen wir nicht erst spätabends eintrudeln.
Der Weg selbst ist nicht mehr sonderlich spektakulär. Es geht oberhalb der Hauptstraße noch einmal über Stock und Stein und einer Menge sumpfiger Feuchtwiese. Der Dingle Way ist hier oben auch wieder der Kerry Camino, der bei Camp direkt nach Annascaul abzweigt. Das liegt gerade mal 16km entfernt. Ein bisschen veräppelt komme ich mir da schon vor. Hätten wir vor knapp 1 Woche ja direkt hierüber abkürzen können. Aber dafür sind wir ja nicht hier. In Dunst der Luft wird Mt. Brandon immer kleiner, aber wir können immer noch das Joch erkennen, wo wir vorgestern hinüber sind. Schon wieder zwei Tage her, die lustige Rutschpartie...
Wir machen Pause auf einer Caminobank mit Stempelkasten. Mir kommt in den Sinn, wo Julian und Leonie wohl gerade sind. In dem Moment tauchen sie am anderen Ende des Berghangs auf und holen rasant auf. Und sie haben das Teekesselchen gelöst, jawohl! Sie haben es eilig. Leonie will heute Abend noch einen Bus nach Galway bekommen und das Schuhwerk von Julian ist totally defunct. Da hilft auch kein Kleben und Tackern mehr, die strukturelle Integrität liegt bei 0%... Leonie zufolge wohl schon seit Deutschland, aber pssssst!
Meine Treter sind jetzt nach 2 Wochen richtig gut warmgelaufen und die neuen Schlappen haben während der letzten 200km auch ihre Schalenform bekommen. So könnte es weitergehen! Geht's auch erstmal. Immer geradeaus, mal hoch mal runter und torfig feucht. Erinnerungen an Grönland werden wach. Aber zum Glück hab ich ja die Zauberstöpsel. Lalalalaaa... Wie ich Lady Gaga finde, fragt mich Frances auf einmal... Wääs? Hmmm... hmmmmmm... "Interessant" sag ich und frag mich, wie oft ich heute noch keine präzisieren Antworten geben kann. Eben fragte sie mich, welcher Weg bislang der schönste war, den ich gemacht hab und davor, welchen ich nochmal wiederholen würde. Das kann ich garnicht sagen, fällt mir auf. Frag mich, welche Farbe am farbigsten ist. Etwas zu wiederholen funktioniert auf solchen Wegen in der Regel nicht. Interessanter ist die Frage, welchen Weg ich am liebsten wieder holen würde.
Kerry und Dingle waren unerwartet schön. Ich habe mit viel mehr Kälte und Regen gerechnet. Ich habe aber auch gedacht, es wäre einfach einen Zeltplatz zu finden. Aber es gibt kaum Wiesen, wo kein Schaf wohnt. Und jenseits der Schafwiesen wächst pieksiger Ginster. Aber dafür haben wir vielfältig die irische Gastfreundschaft kennen gelernt und es ist toll sich mal richtig ordentlich verständigen zu können. Soviel kann ich sagen. Aber Lady Gaga ist... auch da. Weniger musikalisch, mehr als Medienkonstrukt. Ich fands interessant, wie es funktioniert und hab mir auch mal The Fame Monster angehört. Die Musik durchschauste im Handumdrehen. Das ist Lego und ohne die überkontrastierte Madonna-Nachmache ringsherum bedeutungslos. Hm, das hat man aber auch mal von den 80ern behauptet. Außer Synthi nix gewesen. Und gerade da nehmen heute wieder Künstler den Faden auf, die jünger sind als ich und die 80er nie erlebt haben, sind inspiriert durch Digitalmusiker wie Vince DiCola und erfinden sie neu. Das ist schräg. Musik, die ich selbst noch miterlebt habe wird auf einmal nostalgisch. Die guten alten 80er oder wie? Aber eben das finde ich gerade auch interessant und der geradlinige, metallische, hallige und harmonisch überproportional komplexe Klangteppich eignet sich grandios, um 24km Strand abzulaufen. Man merkts kaum. Ohne die Musik würde ich ständig darüber nachdenken, wie weit ich noch muss, würde die Schultern weh und Beine schwer denken. Da lass ich mich von den 80ern aus den 2010ern mit 112bpm vorantreiben. Das entspricht genau meiner Schrittfrequenz. Genial. Außerdem bin ich begeistert von der Musik seit ich 6 bin und kanns irgendwie nachempfinden, wenn ein schwedischer Tracker in meinem Alter mit Künstlernamen Mitch Murder seine heiße Diskozeit um 1983 besingt. Was man mit 3 Jahren nicht schon den Dancefloor gehittet hat, um heiße Liebe nur für diese Nacht zu finden, hach, das waren wilde Zeiten... Ich dance to the middle of the Dancefloor... jemand tippt mir von hinten auf die Schulter, uuuuh, welche heiße Braut mit Stirnband und dauergewellter Neonfrisur kann das nur...
Frances steht wild gestikulierend hinter mir. Stöpsel raus... Hä? Ach wir sind in Tralee angekommen!! Wie schnell das aber auch immer geht. Tralee, neben Killarney bislang die größte Stadt und unser zu Hause für zwei Tage. Wir haben heute eine Suite im Rose Hotel gebucht und lassen es mal so richtig krachen. Hier gibt's auch eine heißgeliebte Sauna. Herrlich! Am 23. wurde hier im Rahmen eines Festivals The Rose of Tralee gekürt. Eine Art irischer Schönheitswettbewerb, nur nicht so behämmert wie GNTM. Ist seit 1959 ein großes Fernsehereignis auf RTÉ1 hier. Also dann, mal sehen, was die Stadt morgen zu bieten hat.

Strandschubmusik:




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