Oliver

23.08.2016 Coas

Es gibt wieder ein Full Irish zum Frühstück. Gibt nichts Besseres, um sich für die nächsten 20km zu wappnen. Die Strecke ist leicht. Es geht entlang der Küstenlinie, mal auf den Steilklippen, mal in den Buchten, immer die "Three Sisters" im Blick, drei markante Abbruchkanten, die direkt an den Hügel angrenzen, an dem im Mai die Macht mit uns war. Es schläft und wandert sich herrlich im Schatten der Macht. Macht macht Laune. Den hiesigen Leuten wohl auch. Man macht sich halt so seine Späßchen aus dem Umstand, dass man sich gerade für diesen Flecken Erde entschieden hat.
Ich wurde heute mutig und bin ins Wasser. 14 Grad. Okay. Die Kinder mit ihren Neoprenanzügen sind doch keine Weicheier. Ein paar Schwimmzüge habe ich ausgehalten, das muss reichen an Mut.
Auf dem Weg machen wir viele Schaupausen. Seit dem WindowsXP Standardhintergrund war Himmel und Wasser noch nie so blau und die Wiesen noch nie so grün. Ein irischer Bauer will gerade seine Schäfchen zählen gehen und wir haben ein kurzes Pläuschchen. Deutsche, überall Deutsche, beschwert er sich bei uns. Und wir sollen von seiner Mauer runter. Da: das Schild sagt auf irisch "Achtung Rattengift!". Dauert ne Weile bis wir begreifen, dass er Spaß macht und dabei noch mehr Spaß mit uns hat uns ganz ernst dabei anzugucken. Man will ja nicht unfreundlich sein oder zugestehen, dass man sein Schnodderenglisch kaum verstanden hat. Die Situation löst sich schließlich mit seinem Augenzwinkern. Irgendwann gegen 17 Uhr kommen wir ziemlich entspannt in Coas an. Hier haben wir über Frances tatsächlich ein Airbnb ergattert. Und wir sind begeistert. Es ist ein Natursteinhaus direkt am Fuße unserer morgigen Hürde und dem höchsten Punkt unserer Wanderung gelegen, den Mount Brandon. Echt, ich kann nur jedem empfehlen den Iren direkt zu begegnen. Je familiärer es wird, desto besser. Aber erstmal runter zum Pub, lecker Essen! Es gibt Fish of the Day. Lecker! Ein deutsches Reisepärchen bestehend aus zwei Frauen um die 60 sitzen noch im Pub, sonst ist keiner da. Sie wirken wie eine Schicksalsgemeinschaft. Man unternimmt was zusammen, weils die Männer nicht machen, aber ob man sich dabei so recht mag.... najaaaa. "Waaas? Du isst echt noch Geflügel? Also iiich würde mich ja niiie freiwillig mit sooo viel Antibiotika vergiften. Das ist da nämlich drin. Also warum tust du dir das nur an?" "Weils schmeckt!" oder mit anderen Worten: man versteht sich blind.
Vier Gestalten kommen langsam, ruhig aber selbstbewusst in den Pub und lenken meine Aufmerksamkeit auf sich. Sie setzen sich am die Bar. Jeder ein Bier. Man trinkt schweigend. Sie sehen irgendwie aus, als hätten sie einen Jeans-Fritz-Modelvertrag. Alle gucken gleich, wie Brüder irgendwie. Die Stille wird durchbrochen von zwei älteren Pärchen, die die vier herzlich umarmen, als wären sie die Eltern. Sind sie aber nicht, dafür geht es zu formell weiter. Einer mit einem locker über die Schultern geworfenen Cashmere-Pulli vertieft sich in eine Art professionelles Referat mit dem markantesten der vier leicht unterkühlten Leckerbissenjungs. Es geht um Musik. Es stellt sich heraus, dass die vier eine irische Band sind. Sie haben sich alle Mittags auf dem Golfplatz unterhalb der drei Schwestern kennen gelernt und die Pärchen sind mächtig begeistert darüber. Soso! Ich höre heraus, dass sie sich hier in Dingle zurückziehen, um ihr 5. Studioalbum zu schreiben und hier käme man so gut zum Wesentlichen, bisschen Golf spielen und so. Sie würden zwar nicht wissen, wie arbeiten ist, weil sie es noch nie wirklich tun mussten, aber das Bandleben wäre auch nicht einfach. Ja, so siehts nämlich aus. Frances und ich finden, dass sie sich sehr gefallen in ihrer Rolle. Aber ich kann das verstehen. Ich würde mir auch gefallen an deren Stelle. Aber wer sind die? Sie verabschieden sich, keine Zeit mehr zu fragen. Die Pärchen begleiten Sie. Also Google fragen. Bilder angucken unter "irish band Dingle" und da sind sie. Sie heißen "The Coronas" und sind in Irland durchaus erfolgreich, Platz 2 der irischen Albumcharts in 2014. Och mist, jetzt will ich denen auch ein professionelles Gespräch über Musik ans Bein binden! Sie wären begeistert davon! Jetzt sind sie weg. Pech für sie. Wir gehen in unser Chalet zurück. Kathy, die Besitzerin, macht uns noch Tee und Kuchen. Bisschen quasseln muss sein. Ich frag sie, ob sie "The Coronas" kennt. Na klar kennt sie! Die Nachbarin ist die Mutter vom Schlagzeuger. Selbst eine bekannte Sängerin in Irland namens Mary Black. Drei der Bandmitglieder kommen von hier, wohnen aber in Dublin. Und sie hatten auch schon Auftritte in Deutschland, jawohl! Ich bekomme eine Musikkostprobe. Nicht mein Ding, aber spannend ist es trotzdem. Ich bin immer ziemlich beeindruckt, wenn ich versuche echte Menschen mit dem Musikprodukt und dem medialen Auftreten in Verbindung zu bringen. Ich kann jedenfalls begreifen, warum man dann das Gefühl hat, sich ganz dringend mit denen verbrüdern zu müssen und aller Welt davon zu berichten. Ich mache das gerade ja selbst irgendwie. Es lässt quasi die unerreichbare Staraura auf sein blasses Selbst überspringen, wenn auch nur für einen flüchtigen Moment. Doch wie sagt Francis Underwood in The House of Cards so schön: "Glaube nicht, dir gehört die Macht, nur weil du mit ihr vögelst."





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