Oliver

19.08.2016 Annascaul

Also hier wollen wir ja eigentlich gar nicht weg. Die Hütte ist toll. Aber deswegen sind wir ja nicht hier... offiziell. Deswegen geht's erstmal runter frühstücken. Hach, was wäre das Leben ohne lecker Essen. Unsere Etappe wird heute doof. Zwischen Boolteens und Inch Beach, wo wir dann auch auf den Dingle Way treffen, kommt 15km lang nichts als die Enge Hauptstraße. Das wird Gedulds- und Mutprobe zugleich. Ausweichen geht nicht. Liz, die Betreiberin von unserem B&B, kommt zu uns und will - wie die meisten Iren, denen wir begegnen, mehr über uns wissen und von sich was erzählen. Sie betreibt den Laden seit 2008. Existieren tut er aber schon seit 1929. Fast genauso lange, nämlich 84 Jahre, existiert der Schmied gegenüber von Murphy's Bar, wo wir gestern Pizza gegessen haben. Liz besteht darauf, dass wir ihm mal Hallo sagen. Er zeigt uns seinen Arbeitsplatz, der sich seit den 20ern wohl nie verändert hat. Wer hat schon ein 70-jähriges Arbeitsjubiläum. Liz lichtet uns ab. Dann gehts los auf die Straße. Stöpsel mit Rauschunterdrückung in die Ohren und in den Meditation-idle-mode. Die Geräuschkulisse der Straße entschwindet. Kitschige Chicane-Chillmucke plätschert vor sich hin: Saltwater - thrillseeker remix. Uuuuh. Ich werde gaaaanz schweeeer. Das Wetter hat währenddessen ständig Programmfehler und bootet sich alle 5 Minuten neu, abwechselnd mit Regen-, Wind- oder Sonnen-Thema. Jo, das sorgt für Stimmung! Pixelige Texturen, die Inch Beach darstellen müssen, schieben sich gaaaanz allmählich zu mir hin, während meine Füße Schrittbewegungen wie auf einem Joypad vollziehen. Unter meinen Füßen zieht, schwarz mit gelben Streifen, eine Endlosgrafik vorbei, schwarz mit gelben Streifen... gelbstreifiges Schwarz. Die Sprüheffekte von den LKW-Sprites finde ich wirklich sehr realistisch gelungen... man könnte glatt meinen selbst auf der Straße zu laufen und diese beklemmende Enge zu spüren. Aber so doof bin ich zum Glück nicht. Inch Beach erreicht mich ganz von selbst und ich schalte den Idle-Mode wieder aus. Wow, wie bin ich denn so schnell hierhin gekommen? Hab ich gar nicht gemerkt! Frances schon. Sie hat keine Stöpsel.
Inch Beach liegt in Richtung Westen wie ein Bollwerk zwischen der Kerry- und Dingle-Halbinsel und schirmt die ewig starken Wellen vom Hinterland und dem Fjord ab, der entsprechend "The Harbour" genannt wird und sich bis Castlemaine zieht. An der Westküste bei Inch entstand ein Kite-Surfing-Eldorado, das auch jetzt gut besucht ist. Wir essen in einem kleinen Strandrestaurant Lachsschnittchen und Pommes und schauen den Surfern zu, als sich eine Frau zu uns setzt. Sie hat uns die Tage schon irgendwo gesehen, jawohl! Und so kommt man wieder mal ins Gespräch.
Der Dingle Way biegt ab ins Hinterland. Wir auch. Endlich wieder ein Weg! Fühlt sich gut an. Und so kommen wir mit On-Off-Brausewetter in unserem Hostel in Annascaul an..... "unser" Hostel?! Alter, das Ding war billig und jetzt weiß ich auch warum. Auf dem Jakobsweg wäre das eine der Gegen-Spende-Absteigen gewesen. Weder ich noch Frances sind im Pilgermodus. Aber es war die einzige Möglichkeit vor Dingle, dem jetzt doch stark werdenden Regen zu entkommen. Naja, immerhin brutzelt im übervollen Sitting Room ein Kamin. Das lenkt von den wie im Bus im Winter beschlagenen Scheiben ab, an denen man jetzt herrlich Tic Tac Toe spielen könnte. Aber hier gibt's WLAN, was für viele fahl beleuchtete Gesichter ringsum sorgt, während das Feuer langsam niederbrennt und wir die Zeit endlich im Nacht-Idle-Modus vorspulen können.




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