Wanderer über dem Nebelmeer

13.09.2020 Los Tilos

Aaah... heute mach ich mal gar nichts, lege mich den ganzen Tag an den Pool und lasse mir noch mehr Sonne auf den Pöter prasseln....
Neeeeee, sicherlich nicht. Bin ich etwa so ein fast 40-jähriger Familienvater oder was?! Gestern Nacht hab ich das Internet nach den Hot Pots La Palmas durchsucht und festestellt, dass ich fast alle gesehen habe, ohne es darauf anzulegen. Aber vielleicht gibt es noch was Verstecktes? Ich bin bei Tijarafe an einer sogenannten Schmugglerbucht vorbeigekommen. Mir ist nach irgendwas mit wenig Sonne und wenig Durst. Ginge das? Ich bin schon so dunkelbraun, wie ich noch nie war. Und am besten was mit viel Wasser. Davon hatte ich bislang wenig. Hmm. Schmugglerbucht steht da schon hoch im Kurs. Aber es gibt auch noch die Nacientes de Marcos y Cordero, ein Quellgebiet in den Bergen. Nun, der Einstieg von Letzterem liegt bei Los Sauces und damit 20 Busminuten entfernt. Das andere auf der anderen Seite der Insel. Damit ist die Entscheidung wohl gefallen.
Ich fahre also zum "kleinen" Wanderweg PR LP 6, der hinter der großen Brücke direkt bei Los Sauces beginnt. Ein Rundweg von 24 Kilometern, sagt das GPS. Nee, wirklich jetzt?! Ich schaue scheel unter meiner Maske auf das erste Wanderschild, als ein Auto neben mir hält. Ein Brite sitzt drin. Ob ich zu den Quellen will, fragt er. Ja! sag ich. 5 Minuten später bin ich 250 Höhenmeter und 3 Kilometer weiter direkt vor dem Einstieg in den Wald. Er wohnt gleich nebenan. Da ist er wieder, dieser Schicksalsfügungszufall. Trotzdem sind's noch 1000 Höhenmeter durch einen tief eingegrabenen Weg, der durch den Wald stetig steil bergauf geht und meine Füße je nach Untergrundbeschaffenheit in gut 12 verschiedene Farben tüncht. Aber Punkt 1 stimmt schonmal: Wenig Sonne. 2 Stunden später stehe ich an einem Aquädukt, der aus den Bergen kommt. Der Wanderweg führt an diesem entlang. Punkt 2 ist geklärt: Unendlich viel Wasser. Da ich mittlerweile auf einer Höhe von 1440 Metern bin und die Wolken direkt in meine Visage fliegen, erübrigt sich auch das mit Punkt 3, dem Durst. Aaah, alles, was ich wollte.
Mir fällt auf, ich war vor 12 Jahren auch schon hier mit Corinna, nur scheine ich von der anderen Seite gekommen zu sein. Ooooh, dann weiß ich was kommt: Dreizehn Tunnel? Voller Vorfreude lauf ich auf dem Waal in Richtung Kerbtal und tatsächlich. Da kommt schon Tunnel 1. Stockfinster läuft man geduckt gemeinsam mit dem Wasser durch einen engen Tunnel direkt auf einer Steilwand entlang. Manchmal regnet es direkt in die Tunnel hinein. Gut, dass ich das Handylicht habe. Jedenfalls vergeht so die Zeit enorm schnell und es gibt so viele Fotomotive, dass ich mich zwingem muss, voranzukommen. Ich will schließlich um 18:45 Uhr den Bus zurück bekommen. Es ist Sonntag! Viel zu spät, so gegen 16 Uhr, erreiche ich die Quellen auf knapp 1500 Metern. Unspektakulär im Vergleich zu den Tunneln, aber lecker Wasser für den Abstieg durch ein Flussbett, das gesäumt ist mit gigantischen Farnen. Und der zieht sich dagegen enorm, auch wenn ich schnell bin. Aber die Landschaft ist verwunschen. Ich bin tief im Wald, von Riesenfarnen, Ranken und Bäumen und Wolken umgeben und es ist absolut still. Um halb 6 Uhr erreiche ich die LP105. Noch eine Stunde. Also im Laufschritt abwärts zurück zu Los Sauces. Aber ich bin echt fit geworden die letzten zwei Wochen, meine Güte. 40 Minuten später stehe ich mit kribbelnden Füßen an der Bushaltestelle. Was einkaufen wär ja gut, aber die Läden sind zu. Ach komm, dann wird's wohl Zeit für mein zweites warmes Essen, seit ich auf der Insel bin. Ich gehe lecker speisen im Hotelrestaurant. Fisch und Wein und njam. Da freut sich meim Bauch.
Das Essen muss ich anmelden, dann kommt die Köchin aus dem Dorf und kocht es mir. Man muss improvisieren in dieser Zeit, es wäre nur ein weiterer Gast da, der was isst, sagt man mir. Die Angestellten haben sich nebenan im Aufenthaltsraum versammelt und schauen angeregt La Liga. Während ich esse und runter auf Barlovento und darüber hinweg ins Meer schaue, schwillt immer wieder ein hektisches Stimmengewirr an, wenn der Ball gefährlich nah an ein Tor gerät. Ich finde, es hat was, auch wenn die wirtschaftliche Situation dahinter natürlich die Stimmung enorm eintrübt. Morgen geht's schon wieder Richtung Hauptstadt. Ob ich noch dem äußersten Süden einen Besuch abstatte? Ich würde ja gern nochmal so richtig planschen.

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