Wanderer über dem Nebelmeer

14.09.2020 Los Cancajos

Der letzte volle Tag steht an. Beim Frühstück schaue ich mir an, wie ich mit dem Bus zum Leuchtturm auf der Südspitze komme. Ich dachte, das wäre ein nettes Endziel. Zwei mal umsteigen, 3 Stunden Fahrzeit... gut, das ist es dann auch nicht wert. Ich fahre um halb 11 Uhr mit dem Bus zurück nach Santa Cruz. Vor mich setzen sich zwei ältere Damen, eingedieselt in billigstem Parfum. Und dann noch die Maske. Mir wird kotzübel. Angekommen in der Hauptstadt beschließe ich den Weg zu meinem heutigen Ziel zu laufen. Das sind immerhin fast 10 Kilometer. Eine würdige letzte Strecke und eine Möglichkeit, diese ekelerregende Tünche wieder aus der Birne zu bekommen. Es geht entlang am Hafen. Der Fred Olsen Katamaran nach Teneriffa liegt dort. Beide Inseln, Teneriffa und El Hierro, kann man heute gut erkennen. Danach verläuft eine lange Küstenpromenade bis Los Cancachos. Der Ort ist der erste, den ich als typisch kanarischen Strandort mit vielen Hotels bezeichnen würde. Ein vertrauter Geruch von gegrilltem Fisch und Knoblauch zieht über die Straße. Auch ich habe hier meine letzte Unterkunft gebucht und mache heute zum Abschluss tatsächlich mal einen auf typischen Strandtourist im Apartamentos Oasis San Antonio. Aaaaah, mit großem tiefen Pool. Direkt davor liegt eine Bushaltestelle der Linie 500 zum Flughafen. Dann kann ich sogar morgen früh nochmal in den Pool, hehe. Mich erinnern solche Appartmentanlagen immer an meine Kindheitsurlaube. Einen Tag mach ich das durchaus mal gerne. Aber zwei Wochen lang hier bleiben? Tja... wenn man auf standardisierten McDonald's-Urlaub steht... Wenn es dagegen auf meinem Weg liegt, bin ich gern dabei. Ich bin kein Spatanier, auch wenn ich merke, wie ich mich innerlich gegen die anderen abschotte. Ich möchte nicht, dass man mich als solchen Urlauber identifiziert und gleichzeitig kommt mir das sehr überheblich von mir vor.
Es ist 13 Uhr, ich habe noch schön viel Zeit, vor allem um erstmal alle meine Sachen zu waschen, zu schwimmen, einkaufen zu gehen, im Meer zu planschen und von Kopf bis Fuß wieder richtig sauber zu werden. Danach widme ich mich den Fotos auf meinem Gerät, Revue passieren lassen. AbraCaRiBes ist jetzt genau eine Woche her und es fühlt sich wie gestern an. Ein paar Videos habe ich gemacht, die ich aufbereiten will. Manches kann ein Foto schlecht erfassen. Mal sehen, was ich daraus Schönes zusammenschneiden kann. Das war ein schönes, hartes Stück Arbeit, die letzten zwei Wochen. Und vielleicht finde ich heute Nacht noch die Ruhe, um zum Abschluss noch einmal den Stift zu schwingen, bevor mich die Alltagsroutine wieder einholt.
Das sollte sie nicht zu sehr, finde ich, sonst macht die ganze Insellauferei keinen nachhaltigen Sinn. Immer wieder dieser Jojo-Effekt. Ich brauche hier viel weniger Ablenkung und vor allem viel weniger Essen und hab kaum Stress im Kopf, trotz der Anstrengung. Es ist Zeit für einen guten Vorsatz, finde ich. Was hier funkioniert, sollte doch auch ins nächste Jahr übertragbar sein auf mein hauptsächliches Leben und Leander. Ich bin zuversichtlich, dass es mit ein wenig Disziplin gelingen kann, bis ich wieder den wasserdichten Sack überziehe, die Schuhe ausziehe und eine andere Insel überquere.
"Aber das wird eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden."

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