Wanderer über dem Nebelmeer

11.09.2020 Mazo

Es war eine unruhige Nacht. Ich hab geglüht und Wärme abgestrahlt am ganzen Körper wie ein radioaktiver Unfall. Ich lag ohne alles einfach nur da und hab gehofft, dass ich mich endlich mal abkühle. Das Problem: Um mich herum wurde es eigentlich schön kühl. "Ich bin ein Brennelement in schwerem Wasser"... oder ist das mein Schweiß?! Bääh!... Irgendwann um 3 Uhr nachts habe ich mich mit 'ner Netflixdoku über Computerspielpioniere abgelenkt. Dann wurde es besser und ich war bis 9 Uhr weg.
Die zweitletzte Etappe bringt mich nach Mazo. Ich liege herum. Möge bitte das Wolkenmeer, das ich gestern gesehen habe, jetzt genau auf der Höhe von 700 Metern liegen. Ein Blick nach draußen verrät nicht nur durch die fehlende Sicht, sondern auch beim Einatmen, dass es so ist. Gute Startkonditionen also. Den GR 130 oben im Wald will ich nicht gehen. Ich weiß, welch sandstückchenhaftiges Debakel mich dort erwartet und ich beschließe an der LP2 und dann auf der LP206 bis Mazo zu laufen. Aber Hauptstraße laufen mit Musik in den Ohren... ich wurde auf dem Weg nach La Punta schon von genervten Halbstarken durch Gehupe daran erinnert, wie schwach, mickrig und unwürdig ich als Straßenteilnehmer bin. Will man zu Fuß per Straße von Ort zu Ort, kann das ganz schön nervend sein. Aber deswegen wieder den Berghang aufsteigen? Fuß sagt nein. Bein sagt Nein. Also drehe ich die Musik halt lauter auf und lasse sie zu meinen imaginären, tiefer gelegten Rädern und Spoiler werden.
Ich wende mich innerlich an die Insel: "Kann nicht einfach wie bei uns zu Hause so ein neuer Fahrradweg aus Asphalt auftauchen, der bis nach Mazo führt? Ich brauch mal was Monotones zum Meditieren, verstanden?!"
Man versteht mich. Bevor ich um die nächste Kurve biege, um es zu registrieren, wird fix ein Fahrradweg ausgerollt, der von Holzplanken flankiert wird - man will ja auch was für's Auge. 8 Kilometer lang, bis die LP206 nach Mazo abbiegt. Dort fährt kaum ein Auto und ich kann die 4 Stunden zu meinem Ziel ohne große Anstrengung barfuß zurücklegen.
Ich staune nicht schlecht. Ich fange an zu begreifen, warum die ewige Philosophie um Zufall, Schicksal, Fügung und Schrödingers Katze nicht ausdiskutiert sein wird. Wie kann es sein, dass sich die Insel während der letzten Tage mehrmals meinen Bedürfnissen anpasst? Ich glaube, das erledigt eher mein Kopf für mich. Es ist ja schon auffällig, dass besagte Bedürfnisanpassung vornehmlich im Urlaub stattfindet. Vielleicht bin ich schlicht auch mal zugängig für Alternativen und das Unkalkulierte, was ich im Alltag nicht toleriere, weil keine Zeit, Schlafmangel und Lassmichdochinruhe. Mit anderen Worten: Es hätte auch anders kommen können und mein Gemüt hätte dennoch gleich den Vorteil darin erkannt und den heiligen Sinn dahinter zurecht getöpfert. "Ich werde geleitet" oder "Es kommt wie es kommt". Egal, wie man es für sich interpretiert, hier darf es das.
So schlender ich schuhlos und gedankenverloren durch die zersiedelte Höhenlage. Die LP206 ist ausnahmsweise sowas wie eine Eukalyptusbaumallee. Große alte Bäume, viele davon aber auch eingegangen. Die Ortschaften wirken bilderbuchhaft. Die Gebäude sind alle so um die 100 Jahre alt, teils verlassen, teils originalgetreu wiederhergestellt, keine dieser spanischen Bausünden, die ich auf dem Jakobsweg kopfschüttelnd kommentiert habe. Ich laufe genau auf Wolkenhöhe. Darüber schwebt El Hierro am Horizont. Es ist still. Dreimal kommt der Bus vorbei. Das ist gar nicht so übel zum Wohnen hier. Noch ein Päuschen auf einem Wanderrastplatz, wo Wanderweg und Straße sich kreuzen, dann stehe ich um 15 Uhr schon vor Casita Mazo. Eine Treppe führt von der Straße hinab in einen liebevoll aussteigerischen Garten, ein Sammelsurium von allem Möglichen, Feigenbäumen, Kakteen und Drachenbäumen. Dazwischen eine gelbe Haus...landschaft. Verstreut und doch zusammenhängend, bunt verzierte Hinweise aller Art wie Verhaltensregeln, Sinnsprüche und Wifi-Passwort verraten, dass ich hier wohl richtig sein muss. Ein Markus mit knallroter Brille und offenherziger Art sitzt vor einem der Häuser in einem Sofa und heißt mich willkommen. Noch so ein Aussteiger? Naja, irgendwie ja und nein. Er ist aus Düsseldorf und hat sich das hier aufgebaut. Im Gegensatz zu Sabrina von AbraCaRiBes mit deutlich mehr Sinn für... hmm... deutsche Präzisionsvorlieben? Alles wirkt stimmig und durchdacht. Doppelverglasumg. Er hat 20 Jahre auf Formentera gelebt, bis der stetig aufstrebende Tourismusbetrieb ihn hierhin vertrieb. Er empfindet sich ebenso als Düsseldorfer. Und hey... einmal in der Woche ist Düsseldorf genauso weit entfernt wie jede andere deutsche Stadt! 500 Meter unter seiner Finca blitzen die Positionsleuchten der Landebahn des Inselflughafens durch die Palmen. Eine 737 schwebt gerade nahezu lautlos unterhalb von Mazo langsam darauf zu und landet. Die einzige Maschine auf dem gesamten Flugfeld. Corona. Markus lebt gerne auf dieser Seite der Insel, da kriegt man wenigstens auch vernünftig Regen ab und ist infrastrukturell bestens erschlossen. Fußläufig zum Tor zur Welt. Ich bekomme ein Frühsrückscarepaket in die Hand gedrückt und werde in mein Häuschen geführt. Es ist mit Memorabilia aus Markus Leben ausstaffiert. Alte Nummernschilder, Schallplatten von Alphaville und A-Ha, Zeichnungen. Man bekommt zwangsläufig eine Ahnung davon, wer Markus ist bzw. war. "Deutsches Fernsehen geht ab Nr. 167 los, ne? Hab' ne schöne Zeit! Wenn watt is, ich bin oben am Arbeiten! Ach ja... Dario bohrt grad Löcher nebenan. Wenn dich das nervt, schrei, ja?" Ich find den Kerl grundsympatisch. Ausgestiegen ist er in dem Sinne eigentlich gar nicht, sagt er. Er wollte halt hierhin und was Schönes aufbauen. Das klappt. Es wirkt alles nicht so hilflos wie bei Sabrina, bei der ich eher das Gefühl hatte, sie flüchtet vor ihrem eigenen Schatten während der niemals enden wollenden Suche nach der ultimativen Glücksutopie und hinterlässt dabei mehr und mehr seelische Risse und Splitter in sich und ihrem Umfeld. Auch die Idee von Simone und Harald ist für mich nicht schlüssig und das hat nichts mit einem übersteigerten Sicherheitsbedürfnis zu tun, finde ich. Und dennoch sehe ich mit Blick auf Emilio einen aufgeweckten, kontaktfreudigen Jungen zwischen den Geschlechtern heranwachsen, der drei Sprachen spricht und sich seiner femininen Ausstrahlung durchaus bewusst ist. Als ich ihn gezielt auf seine Wirkung anspreche wirft er mir seinen Glitzerschleim auf den Bauch: "Das war früher mal so, das mit dem Rosa und Blau. Heute differenziert man Geschlechterrollen doch viel mehr." Differenzieren... Junge, du bist zehn! Ich muss zugeben, ich bin ein bisschen neidisch auf seine Kindheit. Ich würde ihn zu gerne in zehn Jahren besuchen, um zu sehen, was aus ihm geworden ist. Ich hab auf der Caldera viel darüber nachdenken müssen. Ich kann sagen, dass mir persönlich dieser Düsseldorfer hier behaglicher ist als Simome, Harald und Sabrina. Es entspricht eher meinem Habitus. Aber ich glaube, das andere ist dadurch nicht schlecht. Es ist nur nicht meins. Eins haben beide Seiten gemeinsam: Gelebte Selbstverwirklichung. Und davor hab ich einen riesen Respekt!

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