Wanderer über dem Nebelmeer

10.09.2020 Los Canarios

Eine Nacht auf einer Luftmatratze in 2000 Metern Höhe mit Kiefernrauschen sorgt für 9 Stunden Durchschlafen. Als ich das erste mal auf die Uhr schaue und erwarte, dass es etwa 1 Uhr nachts ist, ist es 7 Uhr. Der Nicht-Schlaf des gestrigen Tages hat mich offenbar immun gegen die möglichen Unannehmlichkeiten einer Holzpritsche mit Luftpolsterung gemacht. Mir brannten gestern um 21:45 Uhr nach dem Zeichnen die Augen. Noch einmal kurz rausgehen und schauen, wie Los Llanos unten in der Ferne glitzert, wie aus einer Flugzeugperspektive bei Nacht... 22 Uhr war ich weg.
Keine Rückenschmerzen, kein Kopfweh, nichts. Ich glaube mir selbst nicht so ganz und bleibe liegen, bis das Universum um halb 8 Uhr das Licht anschaltet. Ich schaue im fahlen Morgenlicht aus der Tür auf erste Hälfte meines heutigen Wegs bis zum Freizeitplatz El Pilar auf einem 1440 Meter hohen Joch. Der Weg führt über den gesamten Bergkamm bis hinüber zum zweiten Teil des Wegs, der Vulkanroute im Süden. Das muss der Bergrücken sein, über den von Zeit zu Zeit von Ost nach West die Nebelschwaden ins Tal bei Los Llanos fließen. Heute nicht. Die Luft hier oben ist und bleibt heiß und furztrocken. Also lieber noch zwei Flaschen aus der Regenwasserzisterne füllen und auf geht's.
Kaum setze ich den ersten Schritt auf meine Mammutstrecke, geht die Sonne auf über einem Nebelmeer, das in Wellen an die Ostflanke der Insel klatscht, bis es daran verdunstet. Im Zeitraffer muss das tatsächlich wie eine Küstenbrandung aussehen. So sieht es ein bisschen aus wie "Auf Pause drücken". Aber es ist die perfekte Kulisse für die Neuinterpretation des romantischen Wanderbilds von Caspar David Friedrich.
Die drei Tage hier oben über den Wolken sind erholsam, so anstrengend der Weg bei Sonnenhitze und stetiger Wasserknappheit auch ist. Von der 34-Grad-Schwüle der Küste ist hier oben nichts zu spüren. Dafür saugt die Trockenheit einem bei jedem Atemzug das Wasser aus der Kehle. In Anbetracht der kommenden, zweiten Hälfte des Wegs ist die Strecke bis El Pilar reine Pflicht. Ich muss gut durchkommen, wenn ich vor Supermarktschluss im Süden ankommen will. 10-11 Stunden plane ich ein. Aber es kommen keine Barranco-Überraschungen. Lediglich die Flora ändert sich schlagartig von Kiefern in einen moosüberwucherten Laubwald. Also fließen hier tatsächlich die Wolken über den Kamm, der sie offensichtlich absaugt.
Noch eine Telefonica-Station, ein Hinweis, dass unter mir im Berg die LP3 Santa Cruz und Los Llanos verbindet, dann bin ich in El Pilar.
Es ist tot. Alle Häuschen, Grillplätze und Wasserbrunnen sind mit Flatterband umwickelt. Zwei Autos stehen hier samt irritiert dreinblickenden... wie sagte Emilio... "käsedeutschen" Touristen. Der Mann schaut auf bunte beschriftete Pfeile und schüttelt energisch den Kopf: "Ich wundere mich ja immer wieder, warum die Spanier es nicht hinbekommen, das auch auf Englisch zu erklären. Hier darf man offensichtlich nicht wandern. Nichts darf man hier." Mann regt sich zu Frau zugewandt auf, einsteigen, wegfahren. Auf den Schildern steht zu deutsch "Temporärer Umweg zu den Wanderwegen." Was so ein bisschen VHS-Spanisch doch gut tut. Ich schummel mich dennoch durch die Flatterbänder zum Brunnen, ich habe nur noch 1,5 Liter Regenwasser und ich hätte ja doch gerne was Gutes mit Chlor aus der Leitung. Ich drücke den Knopf, es pupst, das war's. Suuuper. 17.1 Kilometer hitzige Vulkanroute und eine Wasserflasche?! Damit hab ich nicht gerechnet. Scheiße. Richtig scheiße. Aber so richtig richtig... okay lieber 'ne IBU nehmen. Wassermangel führt bei mir mit Gewissheit zu Migräneattacken. Nicht weiter drüber nachdenken und ab dafür.
El Pilar ist coronabedingt komplett verriegelt. Normalerweise ist es ein lebhafter Ort für Alltagstouristen der Insel, Camper und viele Wanderer wie meiner einer. "Die Vulkanroute ist der beliebteste Wanderweg der Insel. Sie werden nicht alleine sein.", sagt die Wegtafel des GR 131 am Ende der Umleitung. Die Apokalypse im Nacken sieht das anders aus. Außer des stetigen Kiefernwindes ist hier niemand. Schlückchen für Schlückchen wasserspare ich mich hinauf zu den Vulkanen. 6er im Lotto, würde ich mal sagen. Das wünscht sich doch eigentlich jeder! Viele Fußspuren, viele Kiefernnadeln, die hier wohl niemals verrotten und 500 Meter höher stehe ich am ersten Krater. Hier war ich schon vor 12 Jahren. Einmal mit Regengischt, ein paar Tage später noch einmal bei Wetter wie heute: Heiß und trocken. Die schwarze Vulkanasche macht es nicht besser und erfordert meine Hochsicherheits-Huaraches. Den schwärzesten der Krater möchte ich mir ansehen. Hier liegen kunterbunt schillernde Steinchen herum. Ha, ein Schatz! Mitnehmen. Ich drehe mich um und sehe die gesamte Caldera mit den Küsten rechts und links. Puh, ist das schon weit weg und da oben auf der Kante steht ganz winzig und eigentlich nicht erkennbar, wenn man es nicht weiß, das Refugio. Genau in der Mitte noch viel winziger der Pico mit seiner Wetterstation. Links liegt La Punta am Berghang. Alle drei Tage im Blick und eine ganz konkrete Vorstellung von der eigentlichen Dimension der Insel. "Da warste jetzt überall"... 10 Sekunden wirken lassen.......... Auf in den Süden.
Der Weg abwärts bis zu meinem Zielort ist eine Qual durch kochend heißen, weichen Lavasand mit Stückchen. Scharfkantige Steinchen unter den Füßen in Huaraches ist ein ganz besonderes Peelingerlebnis, auf das ich verzichten könnte. Es macht mich regelrecht sauer, bei jedem Schritt die Steinchen wieder herauszuschütteln. Ich muss wie eine Katze aussehen, die durch frischen Schnee läuft! Aber barfuß ist es viel zu heiß. Ich hab's wirklich ganz tapfer versucht. Fast 1000 Höhrenmeter bis Los Canarios muss ich damit irgendwie klarkommen. Das Wasser geht 7 Kilometer vor dem Ziel zur Neige und hilft nur noch gegen den trockenen Hals, wenn ich vergesse den Mund geschlossen zu halten. Wasser wie im Norden gibt es nirgends. Irgendwann denke ich nur noch an Cola aus'm Kühlschrank. Der letzte Schluck ist getrunken, als GR 130 und GR 131 wieder aufeinander treffen. Juchuu! Ich hab "El Bastón" tatsächlich gesch...durst. Noch 1,6 Kilodurst. Gleich kommt eine Walddurststraße. Durst kommt der Ort. Durst durst. Ich höre Tennis spielende Leute, bevor der Ort unter mir auftaucht. Er besteht in meinen Augen aus einem Spar-Supermarktlogo und einer Hauptstraße, die darauf zuführt. 15 Minuten später sitze ich mit 1,5 Liter sprudelndem Kaltgetränk irrelevanter Art auf einer Parkbank und vernichte es in 10 Minuten. Okay. 34 Grad auf Vulkanroute mit einer Flasche bringt mich an eine bislang unbekannte, mentale Belastungsgrenze. Blödes El Pilar. Den Brunnen hätte man ja mal laufen lassen können. Ohne das "nicht trinkbare" Regenwasser vom Roque de Los Muchachos und dem Refugio wäre ich aufgeschmissen gewesen. Naja, so schnell werde ich den immerhin von 87 auf 70 Kilometer Länge reduzierten Spatzierstock-Schlenker kein zweites Mal machen. Er ist auch Teil des E7, wie mir eine Wanderstatue am Ort verrät und führt von hier aus weiter in den Süden bis zur Küste. Den Teil spare ich mir.
Meine Unterkunft ist das örtliche Wanderhostel, das zum Glück auch Einzelzimmer hat. Hinlegen... So. Jetzt nochmal: Ich hab's geschafft, juchuuuu!

Übersicht