Wanderer über dem Nebelmeer

06.09.2020 Puntagorda

Ein bisschen schade, dass man das Häuschen nur für knapp einen halben Tag mietet, wenn man es genau nimmt. Kaum hab ich es in Besitz genommen, muss ich auch schon wieder weiter. Heute definitiv früher. 28 Kilometer sind nur auf ebener Landstraße auf dem Jakobsweg 'ne nette Etappe.
Raus aus dem Haus und prompt fällt der Weg ab zur Steilküste und weiter in die Schlucht, in die die Sonne sich zum Glück noch nicht traut. Es geht wie erwartet auf 14 Kilometern steil auf und ab bis Santo Domingo und mit jedem Barranco wächst die Erkenntnis, dass ich trotz des frühen Aufstehens echt zu entschleunigt dahersmoothe für meinen Plan. Es ist heiß. Ich hab zwar 3 Liter Wasser im Wanderschlauch, aber die reichen mir nicht. Glücklicherweise sind überall Wasserhähne in die Natur gepflanzt worden, die oft wie kleine Wanderaltare hergerichtet sind. Ein bisschen Gebetsfahne, ein bisschen Hippiemalerei rings herum, fertig ist die Aussteigerwasseroase für bewusste Wanderer. Wer denkt sich sowas aus? Kilometerlang Wasserrohre in die Wildnis legen, damit am GR 130 der einsame, semigut vorbereitete Oliver sein Wässerchen bekommt, das nicht in den Schlauch passt? Ich huldige den Wasserrohrgöttern, zapfe kräftg ab... geh mal duschen... und komme viel zu spät in Santo Domingo an. Verschlafenes Nest, auch mit Wanderbrunnen und einer Bushaltestelle. Ich bräuchte mal langsam 'nen Keks oder so. Ich hab nicht gefrühstückt. Aber an so 'nem Domingo macht der blöde örtliche Spar schon um 14 Uhr zu. Toll. Kein Mensch auf der Straße, die beim Ortsausgang zur LP114 wird, der ich weitere 15 Kilometer folgen muss... bzw. soll. Hier war vor kurzer Zeit ein Waldbrand und der GR 130 ist teilweise verkohlt. Was das heißt, sollte ich noch zu sehen und zu riechen bekommen. Ich halte mich also weitestgehend an die Straße, die wider Erwarten stetig bergauf geht. Na toll, es sollte einfach werden mennooo... nach einem weiteren Barranco verfärbt sich der Wald schlagartig schwarzgelb. Auf etwa 10 Kilometer Länge führt die Straße plötzlich durch abgebranntes Ödland. Kein Grashalm steht, die Kakteen sehen aus wie Schleim und überall riecht es nach verbranntem Kiefernholz. An manchen Stellen schwelt es noch aus dem Boden. Hmmm... Soll das so oder sollte ich mal irgendwem Bescheid geben?! Aber wem? Das Feuer hat sich auf einer Höhe von 700-2000 Höhenmeter ausgebreitet und auch einige Fincas und einen T4-Bulli nicht verschont. Für mich wird's dadurch nicht einfacher, meine Schattenspender sind weg und ich zerlaufe in der Nachmittagssonne. Dann ist das Wasser alle. Mir wird schwindelig. Verdammt, noch 6,5 Kilometer sagt der blöde Pfeil auf meinem Gerät. Ich hab Hunger und ich hab keine Lust mehr. Wenn ich ankomme ist es nach 20 Uhr, steht da. Essen kaufen kann ich vergessen. Na, das kann ja ne tolle Nacht werden. Ich mal mir aus, wie ich Brausetabletten und Dextro zum Abendbrot mampfe, während sich im Wald langsam wieder unverbrannte, grüne Flecken zeigen. Drei vereinzelte Häuser tauchen nach einer Biegung auf. In einem ist ein Supermarkt... hä? Warum? Ich meine, warum hier mitten im Kokelkiefernwald? Oder ist das nur recycelte Reklame? Nee, der hat sogar auf. Wie dumm muss man eigentlich sein, um so viel Glück zu haben. Ich kaufe zwei Bananen und Erdbeerlimo. Ich muss das erstmal vernichten, danach gehe ich nochmal rein, normal einkaufen. Schweißnass mit Maske im Supermarkt sein, ein Traum. Ich muss riechen, man könnte mich hier herzhaft würzig in Scheiben verkaufen. Was solls, das Abendbrot ist im Sack. Ich frage den Verkäufer, ob es normal ist, dass da noch Rauch aus dem Waldboden kommt beim 4-Kilometer-Schild. Er guckt etwas entgeistert und sagt entschieden "No!". Ich gehe weiter. Etwa 10 Minuten später kommt mir ein Feuerwehrauto mit Geheule entgegen. Ha! Da hab ich heute als gute Tat wohl La Palma gerettet. Punkt 20 Uhr erreiche ich mein heutiges Domizil: Ein Privathäuschen in Puntagorda von irgendwem im Dorf, das mir aber irgendwer anderes aufschließt. Ich soll den Schlüssel morgen hinter dem Fernseher verstecken und rausgehen. Das mach ich. Heut mach ich aber definitiv nichts mehr, außer das morgige Ziel verändern. Ich hab tatsächlich noch was in La Punta gefunden. Ein Bett in einem Kinderzimmer bei ebenfalls irgendwem privat, aber direkt dort, wo der GR 131 hinauf auf den Bergkamm kreuzt. Jemand vermietet tatsächlich ein Bett im Kinderzimmer... hmm... na hoffentlich wird mein Bezahl zu Taschengeld. Bin gespannt, wie das wohl werden wird.

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