Wanderer über dem Nebelmeer

05.09.2020 El Tablado

7,6 Kilometer Luftlinie sind es heute zum Ziel. 16 Kilometer sind es in echt. Das übliche Doppelte. Nach La Gomera war mir das durchaus bewusst, aber eben während dieser 16 Kilometer und 2000 Höhenmeter stellt sich mir immer wieder die Frage, warum das eigentlich sein muss. Der Aussichten wegen allemal. Ich war schlau und hab mir 10 Stunden Zeit gelassen. Unterwegs gab's zwei Brunnen mit Frischwasser, also alles gut, aber eben nicht einfach. Das stetige kleinteilige Auf und Ab, jeden einzelnen Stein und Schritt abzuschätzen, dem ich meine baren Fußsohlen aussetze, immer wieder der Drang, wenigstens die Vibramsohlen anzuziehen und es dann trotzdem zu lassen... ich merke erst während der kleinen Verschnaufpausen, wie anstregend das für mein Gehirn wirklich ist. Mir sind tatsächlich Leute entgegen gekommen, allesamt Spanier, im Laufschritt mit Stöcken und offensichtlich ihrer eigenen Bestzeit auf den Fersen. Ich passiere lauter kleine Ortschaften, die alle auf die Bergkämme zwischen den Barrancos gequetscht sind. Hier im oberen Norden gibt es keine Bananen mehr, dafür ohrenscheinlich viele Hähne, die an den Bergwänden ringsum widerhallen. Den größten Teil des Weges bin ich völlig allein auf Höhenwegen, sodass ich alle Hüllen fallen lassen kann, ohne mir Sorgen machen zu müssen, dass ich jemanden begegne, den ich nicht schon vom Weiten wahrnehme. Es ist ein schönes Gefühl nackt zu wandern, die Sonne überall, der warme Wind überall und keine Klammotte am Leib, die ich volltriefe. In den ersten paar Minuten ist es dennoch immer wieder ein sehr schutzloses Gefühl. Angezogen sein ist eigentlich sehr relativ, merke ich. Erstaunlich, wie sehr mich ein Fetzen Stoff um die Hüfte in einem gesellschaftlichen Sicherheitsgefühl wiegt. Es kommt mir nicht darauf an, mich nackt zu zeigen. Ich vermeide grundsätzlich, jemanden damit zu konfrontieren, wenn er mir nicht ausweichen kann. Es ist ein gesellschaftlich strittiges Feld, das ist mir bewusst und ich bin kein Exhibitionist. Ich mag es zwangslos nackt zu sein, so wie ich es auch in der Sauna bin. Nach kurzer Zeit vergesse ich es eigentlich immer. Es wird zur Normalität des Wegs: Ich werde schweißnass beim raufgehen, trockne wieder talabwärts, nutze jede Wassergelegenheit für eine PET-Flaschendusche, schmier mich mit meiner Minzsonnencreme mit kühlendem Mentholeffekt ein und bin froh, einen wasserdichten Seesack zu haben, der all meine Habseligkeiten schützt. Na wenn das kein Wellnessabenteuer ist...
So erreiche ich völlig alle und trotzdem entspannt gegen halb 8 mein Domizil Casa Fema in El Tablado, das ebenfalls an den Bergkamm gepresst klebt. Ein kleines Häuschen für 1,50 Meter große Menschchen nur für mich allein, das mich 1,90 Meter großen Mitteleurpäer in eine Knickhaltung zwingt. Der Schlüssel liegt unter einem Stein, wann ich komme ist egal. Man hat mir Cola und Bier kalt gestellt, sowie 'ne Tüte Chips. Herrlich verstecktes Fleckchen, aber direkt am GR 130 gelegen. Ich versink mit einem Cola-Bier-Gemisch ins Sofachen im Wohnzimmerchen und schaue den einzigen Fernsehsender, den man reinbekommt. Es läuft "Bob Esponja"... dieser überdrehte Schwammkopf überfordert mein Gehirn. Meine Gedanken kreisen sowieso eher um die kommenden Tage.
Ich muss unbedingt vorplanen. Die Strecke morgen soll 28 Kilometer lang werden. So wie heute geht das aber nicht. Topomaps sagt aber "mach mal": Soll halb so steil werden wie heute und ab Santo Domingo kann ich die restlichen 15 Kilometer Straße laufen, was etwa vier mal schneller ist als auf Wanderwegen. Die Alternative wäre auf der hoch gelegenen Inselrundstraße LP1, auch 25 Kilometer... mit Verkehr. Neeeeee. Lieber morgen früh raus.
Ab Übermorgen wird's dann richtig abenteuerlich, sobald ich auf den GR 131 hinauf auf den Calderakamm treffe. Was denk ich mir nur dabei... Meine Unterkunft wird mitten in Los Llanos liegen. 500 Höhenmeter und 3,5 Std. Fußmarsch weit weg von der Wegkreuzung GR 131/132. Mit so einer Extrarunde kann ich nicht auf den Höhenweg starten, der Weg wird so schon hart und lang, da brauch ich nicht noch Extraweg. In La Punta unterhalb der Wegkreuzung gibt's 'ne Finca zu mieten mit Pool und Fernsicht für niedliche 153 Euro. Uuh... würde ich glatt machen. Aber ich könnte auch die Buslinien studieren. Und tatsächlich. Die 110 verkehrt in der Woche stündlich zwischen La Punta und Los Llanos. Klingt nach 'nem Plan zum ruhig weiterwandern. Statt in die teure Finca, gehe ich lieber fünf mal ins Fischrestaurant. Meinen Weg auf dem GR 131 "El Bastón" muss ich verkürzen, wo es nur geht. Die offizielle Gesamtlänge von 87 Kilometern von Westküste zu Südküste über den Caldera-Grad würde ich in 3 Etappen nicht packen, jedenfalls nicht mit meiner Hochsommerausrüstung. Ach mann, ist Minimalismus manchmal kompliziert... Ach komm, wer denkt denn an Übermorgen.

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