Wanderer über dem Nebelmeer

01.09.2020 Santa Cruz

Santa Cruz de La Palma. Also doch. Corona zum Trotz. Ich liege unter einem Ventilator auf einem Bett in einem Hotellchen, das in die Altstadt gequetscht wurde und muss die Seifenblasen im Kopf erst einmal ausschlafen. Die Maschine startete um 7:09 Uhr in Düsseldorf, nicht in Hannover wie geplant. Der Flug wurde mangels Auslastung abgesagt. Also hieß es für mich: bis 23 Uhr in der Fitnesssauna ein bisschen rumdösen und duschen, bevor es dann mit dem letzten Zug um 0:09 Uhr zum Flughafen ging. Dabei hatte ich mich die letzten Tage schon nach Alternativen umgesehen. In Deutschland. Das Grüne Band vielleicht? Wäre das nicht ohnehin nachhaltiger? Ist Nachhaltigkeit noch wichtig, wenn 90% aller Auslandsreisen storniert werden?! Schon schräg. Wo letztes Jahr noch Umweltthemen mit schwänzenden Schülern diskutiert wurden, verdunkelt jetzt die gefühlt niemals enden wollende Corona-Corona alle übrigen Debatten in ein mehr oder weniger bedeutungsloses Zwielicht. Außer Trump. Strahlt wie eh und je. Der setzt ja auch keine Maske auf, der Spalter. Alle kennen jetzt das RKI. Die Medien geiern um den R-Wert herum. Mit Blick auf die Kanaren gibt es in den Medien nur eine wirklich wichtige Frage: Wann endlich verlieren sie den Sonderstatus gegenüber Spanien? Es ist doch überfällig! Der Wert pro 100K hat schließlich die 50er Grenze überschritten. Also fang endlich an zu warnen, RKI! Wir wollen doch über den touristischen Todesstoß berichten dürfen und wie hier alle in Arbeitslosigkeit ersaufen. Und ich bin wider Erwarten hier in dem winzigen Hotel. Hab brav meinen digitalen SpTH-Zettel ausgefüllt, mit dem ich am Flughafen vor zwei weißen Astronauten mit Plexiglashelm bestätigte, dass ich ganz sicher kein Covid hatte. Der Flug mit Maske hatte auch seine Vorteile. 70% Belegung, man kann sich die Maske über die Augen ziehen, die Luft wirkt nicht so trocken und es herrscht am Schalter und im Flugzeug beim Boarden und Disembarken endlich Ordnung, wie beim Empfangs der Eucharistie. Und bitte bei der Landung nicht klatschen... die Aerosole.
Die Welt gleicht einer riesigen Flashmob-Schnitzeljagd, alle folgen brav irgendwelchen aufgeklebten Pfeilen.
Seit gestern Abend hab ich meine Hände unter mindestens zwölf Desinfektionstuben gehalten. Die Konsistenzen und Gerüche schwanken dabei von Videospray auf Alkoholbasis, das sofort auf der Haut verdunstet, wenn man pustet, bis hin zu Schleimseife, mal mit Chlorflavour, mal Blümchen, aber immer 100% safe im Kopf. Die Klotür wird in zwei Metern Höhe aufgedrückt.
La Palma hat aktuell 15 aktive Fälle. Damit bin ich statistisch sicherer als zu Hause. Aber Spanien als europäischer Spitzenreiter diktiert mit ängstlichem Blick in Richtung RKI die Regeln. Nicht Corona, aber Coronaprävention bestimmt das Bild von Santa Cruz. Im örtlichen HiperDino werde ich sofort von allen wegen meines Buff-Halstuchs gedisst und muss mir straks erstmal 'ne true authentic genuine OP-Maske für 79 Cent in der Apotheke nebenan besorgen. Die ist dann wohl sicherer, sagt das Allgemeingefühl. Von wegen Schal reicht und so. Maskenpflicht gilt auch im Freien. Man nimmt das hier von Jung bis Alt augenscheinlich sehr viel ernster als bei uns. Selbst beim Joggen am Stadtstrand. Dort finden auch zwei Yogakurse mit Maske und gehörigem Abstand statt.
Die Hotelbesitzerin freut sich einen Ast darüber, mich zu sehen und gibt mir zur Begrüßung erstmal ein Zimmerupgrade mit Balkon und Blick auf die Kirche. Von dort scheppert die Glocke mit der Anmut von Kochlöffel auf Bratpfanne die Mittagsstunde ein. Ich bin und bleibe der zweite Gast. Vom Flugzeug aus konnte man beim Anflug die Insel in der Sonne blitzen sehen. Etwas weiter weg bauten Teneriffa und La Gomera ihre Silhouetten gegen das Sonnenlicht auf. Nur ein Wolkenklumpen ballt sich ausgerechnet über der Hauptstadt und es fallen drei Regentropfen. Das beruhigt mich. Nach der hiesigen Hitzewelle der letzten Woche wurden sowohl GR 130 als auch GR 131 gesperrt. Das wär's ja noch. Corona allein reicht ja nicht. Seit gestern sind dank des Regens bis auf Teilabschnitt 5 und 6 wieder alle Wege geöffnet worden und ich kann morgen tatsächlich meinen Weg in Richtung Norden antreten, der GR 130 und 131 zu einem Weg verbinden soll.
Heute passiert nichts mehr. Was läuft im spanischen Disney Channel? Natürlich "Lady Bug". Hmmm, manches hat an den kuriosesten Stellen Bestand.
Ein ganz schöner Drahtseilakt dieses Jahr. Vorfreude wich einem schleimigen Abwartezustand. Erst nach der Bombenkontrolle konnte ich davon ausgehen, dass ich wohl fliegen werde.
Man wird demütig, wenn es darum geht, Reisefreiheit als eine Selbstverständlichkeit zu erachten.

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