Da, wo das Wetter gemacht wird...

02.09.2018 Playa de Santiago

Ich hab jetzt x mal hin und herüberlegt, wie ich am geschicktesten weiterlaufen sollte. Ja gut. Ich könnte die Fähre nehmen. Aber dafür bin ich nicht hier. Dazwischen kommt aber nichts, was auf einer Straße direkt erreichbar wäre. Immer muss man durch tiefe Schluchten. Also entschließe ich mich mit einem mulmigen Gefühl dafür, mich mental auf viele tiefe Schluchten einzustellen, frühstücke um halb 8 und laufe los. Den alten Kirchenpfad entlang, durch die Bergsiedlung ohne Straße, wo ich schon war und dann hinauf. Die obgligatorischen 800 Höhenmeter, kann man sagen. Landschaftlich bleibts jetzt Steppe, hier auf der trockenen Südseite der Insel. Viele Palmen dennoch, vor allem entlang oder in den ausgetrockneten Flussläufen der vielen Schluchten. Gerián ist das erste Zwischenziel. Ein Nichts im Nichts auf einem Hochplateau. Aber ein Ferienhaus zum mieten steht hier mit Pool. Ich bin schon wieder 2 Liter Wasser ärmer. Aber diesmal war ich schlau und hab zwei Flaschen dabei. Eine davon landet jetzt im Örtlichen Mülleimer. Okay was sagt das Navi, bin bestimmt schon... nen Dreck bin ich. 6km von 40. Also weiter... und heureka! Ein echter Inselumrundungswanderer kommt mir entgegen! Der erste! Er kommt von Alajeró und ist seit 6 Uhr unterwegs. Wir haben 13 Uhr. Au weia. Mit meinen Barfußschlappen bin ich naturgemäß langsamer, weil man durch die dünne Sohle gezwungen wird vorsichtiger zu laufen. Ich frag ihn, ob er mir sein Schuhsohlenmuster zeigen kann. Man kann leicht einen falschen Weg nehmen, der 100m höher dann lediglich auf eine aufgegebene Anbauterasse führt. Das ist nicht nur ärgerlich, das kann ich mir heute nicht leisten. Drei Striche und 6 Punkte sind darauf. Leicht zu erkennen, wie ich im Folgenden merke. Es geht weiter, vorbei an einer alten Finka, die offensichtlich durch einen deutschen gekauft und zweckentfremdet wurde. Er hat versucht ein Paradies daraus zu basteln, in dem das, was fehlt, einfach bunt an die Wände gepinselt wird. Im Garten stehen verblichene Sofas herum. An einem Baum hängt eine Paradiesschaukel und auch sonst soll viel verkünden, dass hier jemand mächtig stolz auf sein Aussteigerglück ist. Schlussendlich bleibt der Eindruck einer zweckentfremdeten, aufgegebenen Finka, deren umliegende Terassenfelder, Zisternen und die Lastenseilbahn verfallen. Es ist irgendwie bekloppt hier oben zu wohnen. Auf einem kargen Hochplateau, 800m über dem Meer. Spätestens nach 2 Tagen wollte ich wieder nach Hause. Aber gut. Der Eremit gestern macht das Monate lang und verliert dabei nur langsam aber sicher seine Zähne. Es geht wieder runter zu einer einsamen Meeresbucht mit verlassenem Fischerhäuschen, die bereits auf der Aussteigerfinkaruine als Gartenpool angekündigt wurde. Ein Hippie muss auch hier gehaust haben. Es ist mit einem alten Sofa bestückt. An der Wand prangt ein fettes OM. Schöne Bucht. Einmal ins Wasser springen muss sein, bevor es wieder 800m hochgeht nach La Dama. Wahnsinn, GPS sagt, ich bin 3km Luftlinie von Valle Gran Rey entfernt. Sehr ermutigend. Ich erreiche den ersten wirklichen Ort um halb 4. Es gibt eine Bar. Wasser!!! Die Besitzerin schenkt mir noch zwei Bananen. Na die werde ich auch brauchen. Sagenhafte 13km hab ich. Nicht drüber nachdenken, ist nur schädlich für die mentale Verfassung. Weiter gehts zu einer Kapelle, die laut Karte an einer weiteren Strandbucht liegt. Tut sie auch. 800m darüber. Also in Serpentinen wieder hinab. Unten steht ein Kiosk und ein Planschbecken. Ein paar Touristen mit Boot legen hier an. Die Mole ist ein Überbleibsel von einer aufgegebenen Strandinfrastruktur samt Hotelruine. Lost Place Athmosphäre. Für ein lecker Eis reichts noch. Das Wasser ist herrlich klar. Halbzeit. Was folgt, war auf der Karte nicht erkennbar. Drei weitere Kerbtäler mit entsprechendem auf und ab. Jetzt gehts langsam aufs Gemüt. Zum Glück finde ich eine Wasserquelle. Nicht mehr als ein dünnes Rinnsal aus einem Fels aber es reicht aus, um auf Terassenfeldern davor fette, gelbe Kürbisse sprießen zu lassen. Ich hab die Nase voll. Zum Glück bin ich zeitlich nicht an die Unterkunft gebunden. Meine Schlüssel soll ich aus irgendeinem Kasten vor Ort entnehmen, weil sonntags eh keiner da ist. Das beruhigt mich etwas. Bei Sonnenuntergang um halb 9 erreiche ich Alajeró. Der Wanderweg mündet, wieder mal auf 800m, umvermittelt in einer Astphaltstraße. Alles kribbelt. Und es ist ein Segen keine Steine mehr unter den Füßen zu spüren, sondern einfach mal laufen zu können. 30km liegen hinter mir. Wenn ich zu Fuß nach Playa de Santiago will, kann ich den Wanderweg nicht weiter nehmen. Eine Hauptstraße führt vorbei am Inselflughäfchen dort hin. Mit weißen Streifen. Okay. Das klappt noch. Irgendwie. Also los. Eine Frau kommt mir entgegen. Ob ich Pflaumen will. Wie jetzt? Ja hier! Ich bin doch ein starker Mann, da bräuchte ich die. Wenn sie wüsste, wie Recht sie hat. Genial. Also vier Pflaumen in den Mund und weiter. Es wird dunkel. Und hier auf La Gomera heißt dunkel wirklich dunkel. Über mir erstreckt sich eine riesige, gekrümmte Milchstraße. Krass. Die Krümmumg hab ich noch nie gesehen... denk ich mir und renne vor eine Leitplanke. Gerade mal die weißen Streifen sind schemenhaft erkennbar. Wenn ich jetzt in irgendsomem Kerbtal hängen würde, wär ich aufgeschmissen. Da hätte ich nur noch Handybeleuchtung. Gegen 23 Uhr erreiche ich mein Domizil Santa Ana, auf einer Klippe direkt über Playa de Santiago, finde den Schlüssel in der Box. Neben der auch ein Automat mit Haribo und Hühnchensandwiches steht. Ich hab ja sowas von Glück. Ich kaufe den halben Automaten leer und beziehe mein Häuschen, gehe noch lautlos eine Runde im Pool drehen, um das Kribbeln aus den Beiden zu bekommen, leg mich ins Bett und bin sofort weg.
40km, 14 Stunden, 3000 Höhenmeter. Langsam begreife ich, warum der GR132 nicht frequentiert wird. Er ist entspannterweise nicht zu packen. Zwar sagt die Karte, dass man nur bis La Dama und Alajeró laufen soll. Ist aber auch nur ne nette Idee, wenn es vor Ort keine Unterkunft gibt. Wenigstens sowas wie ein Wanderheim, wo man sich den Schlüssel an der örtlichen Bar abholt oder so, wäre schon hilfreich. Da ist Kreta besser erschlossen. Die Landschaft ist toll, aber so ging sie mir nach 20km nur noch auf den Sack. Jeder Stein ist irgendwann zum Verfluchen, weil man ständig konzentriert sein muss. Man kann nicht einfach gedankenlos so drauflos gehen, dann wär alles super. Trotz allem brauchts nicht mehr als eine durch Riemen gehaltene Vibramsohle. Wie auch immer das geht. Seit Kreta lauf ich mit diesen Nicht-Schuhen herum und sie haben keinen Abrieb. Und ich bin dank LF50 trotz Dauersonne nicht verbrannt. Jaja. Das richtig harte Zeug für Kleinkinder von DM für 2,29€. Ich frag mich, warum man da noch Alternativen mit weniger Schutz anbietet.



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