Da, wo das Wetter gemacht wird...

01.09.2018 Heldenverantwortung

Mag sein, dass man nur ein Medium und den Umständen ausgeliefert sein kann, denk ich mir so, als ich eine Schlucht am Ostende von Valle Gran Rey besteige. Aber das ändert nichts daran, dass die Tat vom Medium ausgeführt wird. Und in unserer Gesellschaft wird man dafür bewertet, was man tut und nicht wie und durch wen man dort hingekommen ist. Vielleicht in der B Note. Ein Held hat, finde ich jedenfalls, immer eine gesellschaftliche Verantwortung, die er unwillkürlich mittragen muss als Person im öffentlichen Leben. Ich finde, dass kurioserweise Star Trek in dem 80ern und 90ern die Verantwortung eines Helden durch Picard perfekt inszeniert. So sehr, wie ich lese, dass über den Führungsstil als Vorbild für Führungskräfte doziert wird. Eigentlich könnte das doch langweilig sein. Ist ein impulsiver Kirk nicht viel spannender? Ich finde nicht. Er wirkt stumpf. Und meines Erachtens funktionieren deswegen auch die drei neuen Filme nur noch durch klischeebeladene, bunte Bilder. Der Geist ist weg. Ich fand Picard schon als Kind faszinierend in seiner Funktion als Kapitän, der ein 786m langes Forschungsraumschiff mit 42 Decks und 1200 Menschen mit ganzen Familien an Board lenkt und leitet und nicht ständig in sinnlosen Außendienstmissionen auf Plastikwelten Konflike mit dem Phaser löst. So kann ich mir wirklich das 24. Jahrhundert als gesellschaftliche Idee vorstellen, auch wenn ich in heutiger Zeit nicht mehr so technikgläubig bin und weiß, dass ein Warpantrieb die Energie mehrerer Sonnen benötigen würde. Vor einem Monat wurde bekannt, dass der mittlerweile 78jährige Patrick Stewart tatsächlich für eine Serie noch einmal in diese Rolle schlüpft. Das funktioniert, glaube ich, nachdem ich ihn vor zwei Jahren im Windham Theater in London zusammen mit Ian McKellen spielen gesehen habe. Wer, wenn nicht er. Na dann weiß ich ja, wen ich heute Abend male, wenn ich mich in diesem Tal nicht verlaufe. Eigentlich wollte ich testen, ob ich hier morgen gut weitergehen kann. Meine Karte sagt, Kletterpartie, 3. Grad. Und die Karte hat Recht. Ich muss viel klettern und balancieren und es ist schweißtreibend. Ein Wasserschlauch gurgelt hallend durch das Tal und versorgt die unten liegenden Häuschen im Kerbtal. Irgendwann nach 2 Stunden wird mir klar, das ist keine Alternative, um die morgige Monsteretappe bis Gerián zu verkürzen. Ich erreiche einen toten Baum mit Gebetsfähnchen daran, der mitten im ausgetrockneten Flussbett aufgestellt ist. Ein Garten mit Gemüse auf einer alten Terasse. Ein Zelt. Wohnt hier wer mitten im Nichts? Ja. Ein Mann schaut heraus und begrüßt mich. Deutscher, schätzungsweise 60. Was macht der hier? Wir kommen ins Gespräch. Ob ich noch hoch will. Weiß nicht. Ists denn noch weit? Ja, hab etwa 1/4 geschafft. Hätte mit viel mehr gerechnet. Das besiegelt, dass der Weg keine Alternative ist. Ich frage, ob er Wasser hat. Hat er. Er hat sich einen Wasserkrahn an den Plastikschlauch gebohrt und weiß auch mittlerweile, wo die Quelle ist. Mittlerweile? Ja, er wohnt seit 5 Monaten hier oben in der Schlucht im Zelt. Ob er eine Wohnung hat? Gerade nicht. Vielleicht im Winter. Er wohnt seit 10 Jahren auf La Gomera. Meist als Schluchteremit. Ich bin platt, lasse meine Flasche am Schlauch auffüllen und mache mich auf den Rückweg. Er auch, er will einkaufen und ein Bier trinken gehen. Ich frage, warum er hier ist, aber er weicht aus und weg ist er. Deutlich schneller als ich. Er macht das offensichtlich nicht zum ersten Mal.



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