Da, wo das Wetter gemacht wird...

30.08.2018 Helden

Der Ort war mal eine Hippieaussteige. Angeblich. Oder für die Reiseführer. Wie auch immer, etwas Wahres ist dran. Ich schlender an der Strandpromenade entlang. Spring ins Wasser, komme wieder heraus, Haare kraus, ich könnt schon ein Hippie sein. Einige nach Patschuli riechende junge Menschen in Batik Look sitzen an der Promenade. Klassisch mit Gitarre. Nothing else matters. Aber Fake. Der Mietwagen parkt gleich dahinter. Echt ist eine Art Familie am Küstenort. Er, Bart bis zum Bauchnabel, spindeldünn, sie, verbrauchtes, einst hübsches Gesicht, auch mit Gitarre. Singt ein Kinderlied für zwei ebenso dreckgegerbte Kleinkinder, die mit den Kieselsteinen vor einer Mauer spielen. Ich werde gegrüßt. Ich verspüre ein dringendes Bedürfnis meine Haare zu kämmen. Ich frage mich, ob sie schon damals vor 18 Jahren hier waren. Vielleicht mit abenteuerlichen Intentionen. Anders sein oder werden. Dann irgendwann die Erkenntnis, dass man nicht on the beach, sondern in einem Touristenort sein Aussteigerglück gesucht hat. Viele tun das hier mit gewissem Erfolg. Die Gomera Lounge sieht aus wie ein indischer Möbelladen. Wellnessbereich auf dem Dach. "Megageile Aussicht da oben." sagt die sehr wettergegerbte Jutta, die deutsche Rezeptionistin, Patschuli, keine Gitarre. Leider ausgebucht bis zum Dritten. Eineinhalb Stunden 50 Euro... der Wellnessbereich. Läuft. Es gibt ein Fitnessstudio. Auch Deutsche. Viele Schmuck- und bunte Stoffläden. Die meisten deutsch geführt. Eine Frau Mitte 50 kommt auf mich zu. Ob ich deutsch spreche. Ja. Ob ich 85 Cent hätte, sie bekommt gerade kein Geld aus dem Automaten. Alkoholfahne. Schreit mir ein Danke hinterher, als ich sie etwas verwirrt anschaue und versuche, sie irgendwo einzuordnen. Ob sie hier wohnt? Ist das die Variante Aussteigen ohne Erfolgskonzept? Vielleicht war sie auch als faszinierte 27jährige 1996 gekommen, um Feuerräder zu Djemberhythmen zu schwingen, ist hängen geblieben, versuchte einen Schmuckladen zu führen oder Wanderern selbstgemachte Ziegenmilch anzubieten, bis es nicht mehr ging... Vor 18 Jahren hat ein junges Pärchen in den Berghängen vor dem Tal versucht das zu tun. Selbstgemachte Joghurt und Brot. Ob die beiden wohl noch da oben sind? Jetzt auch 50? Von wem geht so eine Idee aus und warum? Abenteuerlust oder Gesellschaftsfrustration? Einer könnte der tragische Held sein. "Lass uns weggehen. Einfach weit weg und nochmal ganz von vorne anfangen!", sagt er zu ihr. Diese Tatortgeschichten, bei denen am Ende der Traum an der Wirklichkeit zerplatzt. Oder am Zielort wie bei den Alltagshelden von Auf Und Davon. "Es gibt nur Plan A. Kein Zurück mehr. Wir haben alles aufgegeben und hinter uns gelassen." Gegen Nachmittag gehe ich dem auf den Grund und wandere ins Talinnere, Ziegenmilch trinken vielleicht. Die Hütte finde ich wieder. Sie ist eingefallen und Kakteen wachsen im Innenraum. Kleine Fliesen klebten einen Schriftzug daran und blättern ab. Weiter höher ist dafür eine ganze Exklave von Häuschen entstanden, die alle nur zu Fuß und mit einer Lastenseilbahn erreichbar sind. Auch hier einige Deutsche, die offensichtlich keine Urlauber sind. Das kleine Gomeraglück. Neidisch werde ich nicht und gehe wieder hinunter. Das Meer und der Dachpool meines Kreuzfahrtschiffs wollen beschwommen werden. Krass. Selbst für diesen kleinen Ausflug hab ich 2 Liter Wasser gebraucht.
Mit meinem Notitzblock setz ich mich aufs Sonnendeck. Ich will was malen. Irgendwas. Kein Plan was. Letztes Jahr habe ich Fantasiecharaktäre gemalt. Hmmmm... Wer waren meine persönlichen Helden und sind es noch? Vorbilder sogar? Ich weiß nicht, ob ich heutzutage, als 37jähriger, sowas noch habe oder brauche. In den letzten Jahren hab ich ganz gut gelernt mir selbst zu vertrauen. Als Kind war das gelegedlich anders. Meine erste Heldin, da muss ich vier gewesen sein, war eine Kora. Aber ich weiß nicht mehr warum. Bettkantengeschichten. Spaß am Dienstag. Also warum mal ich nicht einfach einen Helden meiner Kindheit, der großen Einfluss auf mich ausgeübt hat. Vielleicht weil er so ganz anders war als ich.



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