Venedig 2017

23.08.2017 Venedig verselfien

Über Venedig lässt sich wenig sagen, das nicht schon viele andere gesagt hätten. Was jedoch anders sein könnte, ist im Untergeschoss einer 20m langen Yacht in einer 4 Quadratmeter Kajüte mit dem Geschaukel aufzuwachen, das die ersten Autofähren von Mestre nach Lido erzeugen. So. Wellen kenne ich jetzt. Aber was machen wir mit dem einen Tag Venedig? Nur rumschlendern und aufsaugen, beschließen wir. Und Vaporetto fahren.
Venedig ist voll. Ein Touristenmeer. Gut, das gehört dazu. Venedig hat ansonsten nahezu gänzlich seine Bedeutung verloren. Die Innenstadt lebt nicht. Sie besteht gänzlich aus Hotels, Restaurants und manchmal Museen, gepackt in stetig gammelnde Fassaden aus einer vorindustriellen Handelsepoche, als der Orient noch weit entfernt war, keine Dampfmaschinen existierten und andere Häfen wie Hamburg und Rotterdam die führende Rolle übernahmen. Also wo ist venezianisches Leben? Auf den Nebeninseln irgendwie noch. Zwischen den Gässchen steckt auch tatsächlich eine Uni. In der Nähe des Hauptbahnhofs gibt's ein Neubauviertel in der Rwstaurantbesitzer ihr Zuhause haben. Die Stadt wirkt surreal. Der Gammel gehört zum Ambiente und wird regelrecht gepflegt. Parterre ist Gammelschick. Das Wasser steht hier regelmäßig ins Haus. Fährt man mit dem Wasserbus nach Lido, ist man schlagartig wieder in der normalen Touristenwelt. Eine schmale lange Insel mit einem total verbauten Adriastrand, der die Bucht vom Meer natürlich schützt. Ist schon eine außergewöhnliche Lage, in der Venedig steckt. Stadt ist das in meinen Augen aber nicht. Es wirkt befremdlich, auf der Hauptinsel auf einmal in einen Supermarkt zu gehen und normale Preise zu haben. Die Sehenswürdigkeiten empfand ich als ernüchternd. Die Rialtobrücke kannte ich nur vom Plattencover von Rondo Veneziano. Die verschwindet ja regelrecht zwischen den touristenüberfluteten Gassen. Auf einmal steht man drauf. Gesehen. Danke. Eigentümlich schön wird die Stadt im Abendlicht abseits der Hotspots. Dann kann ich mir auch bildlich vorstellen, wie das wohl vor 300 Jahren gewesen sein muss. Überall gibt es kleine Plätze mit Brunnen in der Mitte, die ihre Funktion verloren haben. Ich kann mir auch vorstellen, dass man sich etwas elizärer gefühlt hat hier. Venedig ist nicht Italien. Und ein Stück weit lebt man das bis heute hin, auch wenn bzw. trotz dessen, dass man in den Wintermonaten gern mal mit Gummistiefeln im Friseursalon sitzen muss, weil das Wasser 10cm ins Haus steht. Frances ist regelrecht überwältigt von dem ganzen Anblick. Gerade vom Marcusplatz und dem Dogenpalast. Sie könnte einen Monat hier verbringen. Hmmm... wenn das nicht nur eine romantische Vorstellung ist. Ich find es beeindruckend. Hier nochmal herfahren, warum nicht? Ich habe ja bislang nur einen Ersteindruck. Ebenso spannend wie die Stadt ist das Beobachten der Touristen. Ostasiaten verkaufen in der Dämmerung überall LED Spielzeug zum in die Luft schießen, auf dass die Kinder sie in die nächste Dachrinne donnern. Die Älteren kaufen Selfiesticks und selfien sich all day long. Oh ein Motiv! Lass es uns mit unseren immer gleich dreinschauenden Selfiefressen verschandeln, damit bloß keiner behaupten kann, wir wären nicht hier und nicht irrsinnig glücklich gewesen! Ein Pärchen auf einem Vaporetto smartphonet ein Selfie ans Nächste. Die Visagen sind regelrecht einprogrammiert. Später kann man ein Daumenkino aus hunderten immer gleicher Visagen basteln. Visage auf jedem Bild ist verpflichtend für Instagram, Facebook und WhatsApp Status. Nur der Hintergrund wechselt. Wie war das in Mathe? Wenn in einer Gleichung in allen Thermen etwas gleich ist, kann man es wegkürzen?! Visagisten sind selten Naturwissenschaftler. Hinter ihnen bäumt sich ein runder Junge auf, eine Kapitänsmütze mit dem Aufdruck "Venezia" auf dem Kopf, 7" Smartphone in der Hand. Selfiepose. Bäääm. Das sitzt. Aber im Gegensatz zum Pärchen hat er Spaß dabei. Er scheint jedenfalls keine Verpflichtung zu verspüren, seinen Aufenthalt jeder Zeit in Echtzeit mit dem virtuellen Doppelleben zu sharen. Noch nicht, das kommt mit der ersten Datenflatrate, die Mama dir kauft, sobald du 12 bist.
Als wir nachts wieder auf unser Schiffchen mit Käse und Tunfisch zurückfahren, braucht man im Grunde keine Beleuchtung an Board. Das erledigen die vielen LED Displays. Wir sind offensichtlich eine Generation älter geworden. Die Technik mindestens zehn. Eins von beiden kommt nicht hinterher.



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