Venedig 2017

22.08.2017 Einschaukeln auf Venedig

Wir verlassen die Alpen jetzt doch sehr plötzlich. Bassano ist das Ausfalltor. Das Sträßen endet im Stadtgewirr im der Tiefebene. Mit einem Schlag ist alles anders. Die Landschaft ist flach. Wir sind fast auf Meereshöhe. Die Ebene ist völlig zersiedelt. Es gibt bis Mestre vor Venedig keine wirklich geschlossenen Orte mehr. Feldfetzen wechseln sich mit Wohnvierteln und Industrie hab, während der Alpenzug hinter uns langsam im Dunst verschwindet. Auch die schönen Fahrradwege sind weg. Wir müssen auf Hauptstraßen fahren und verfahren uns immer wieder mal auf geschlossene Schnellstraßen. Hier gibt's nicht dieses Blaue Autoschild. Man erkennt, dass man auf der Autobahn ist, wenn man nicht mehr umdrehen darf. Ruta di competencia steht da nur. Muss man erstmal wissen.
Nach 70 mühseligen Kilometern erreichen wir venedigs Vorort Mestre. Es wird schön. Über einen Park erreichen wir das Ufer der Bucht und vor uns in drei Kilometern Entfernung thront Venedig mitten im Wasser. Neben uns verläuft die Ponte della Libertà, auf der Trans und Züge längsam zwischen Insel und Festland hin und herfahren. Es hat schon was Erhabenes, muss ich zugeben, von den Alpen bis hier hin mit eigener Kraft zu fahren. Frances ist ziemlich ergriffen bei dem Gedanken, dass wir tatsächlich vor Venedig stehen.
Aber wir müssen noch rüber! Mit Fahrrad ein Desaster. Man kommt nicht drauf. Die Team nimmt uns nicht mit. Per Zufall entdecken wir neben der Schnellstraßenauffahrt einen halbfertigen Fahrradweg, der schließlich neben der Straße hinüberführt. Wow. Muss man wissen. Wir mussten erst wieder ein Stück Autobahn fahren, um das zu begreifen. Dann ein übergroßes Ortsschild. Venezia. Wir sind da. Uns begrüßen Parkhäuser. Fahrrad abstellen. Nur wo? Im Parkhaus nicht erlaubt? Na toll. Wir Deppen sind die einzigen mit Fahrrad hier? Bei einer Wasserbushaltestelle namens Tronchetto werden wir fündig. Ein schmaler Streifen. Hier sollen wir das anketten? Mir ist etwas mulmig dabei. Aber gut. Wir kaufen Zweitagestickets für die Wasserbusse. Die Linie 2 soll uns direkt zu unserem "Zuhause" auf der Isola Sacca Fisola führen. Nur eine Station! Wir steigen ein. Entgegengesetzte Richtung. Egal. Warum nicht. Und so schippern wir 1,5 Stunden in der Abendsonne von Station zu Station über den Canale Grande bis zur vorgelagerten Insel Lido und zurück. Wir sind beide ziemlich platt. Venedig ist doch schon ganz schön anders als alles Andere. Wir müssen das alles erstmal aufsaugen und verarbeiten. Es ist sowieso schon eine eigenartige Vorstellung, hoch aus den Alpen hier runter geradelt zu sein. Und so kommen wir in der Dämmerung gut durchgeschaukelt auf der Isola gegenüber der Hauptinsel an. Das "normale" venezianische Volk scheint hier zu wohnen. Normale Mietshäuser. Viele alte Menschen. Und an einem Steg am Rand festgetäut, die Sarah Island, unser Ziel. Wir haben uns auf einer kleinen Yacht eingemietet. Fand ich viel schöner als ein schnödes Hostel irgendwo in einer engen Gasse. Hotels sind momentan unbezahlbar mit 250 Euro und aufwärts. Wenn man mit dem Schaukeln klarkommt, hätte man aus meiner Sicht kaum gemütlicher in Venedig unterkommen können. Und so haben wir uns bis Nachts mit Käse und Weintrauben vom Supermarkt gegenüber auf der Hauptinsel eingedeckt aufs Deck gekuschelt und Schiffen beim Schaukeln zugeschaut, bis wir müde wurden.



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