Oliver

11.08.2016 Kenmare

Lange ausschlafen war angesagt. Aber es ist ja auch schön, wenn es schön ist im Bett. Der Wecker klingelt um 8 Uhr auf dem Handy. Wenn man draufdrückt, klingelt er in 10 Minuten wieder. Wenn man drüberstreichelt lässt's. Faulheit... Sechs mal später sollte man dann doch aufstehen und frühstücken.
Im Frühstücksraum mit versuchtem beutelsender Charme sitzt eine Frau aus Nordirland und wartet auf ihre Männer. Die schlafen wohl noch. Ich schreib Tagebuch und Frances kommt mit ihr ins Gespräch. Ein Mädel in einem übergroßen Strickpulli und alter Jeans schlurft barfuß hin und her, um sich Essen zu machen und nimmt dabei den Dreck der letzten 15 Jahre mit sich mit, um sich irgendwann mit einem Gewaltteller voller Eier und Speck dazu zu setzen. Sie ist Studentin aus Seattle und liebt klettern. Sie will immer und überall klettern. Auch auf den höchsten Berg Irlands, der hier in der Umgebung sein soll. Sie fragt die Nordirin aus. Belfast... Brexit... und ob sie schon zur Zeit des IRA-Terrors gelebt hätte. Hat sie. Und wie war das? ,,Och", sagt sie, ,,da waren halt überall die Truppen zur Patrouille. Eigentlich war immer was los. Als sie dann weg waren, war alles so still. Das fand sie schade. Brexit, das ist schon dumm. Sehr dumm. Aber mal sehen, wo die EU-Grenze demnächst verläuft, auf dieser oder der anderen Insel...

12 Uhr ziehen wir los. 25 km bis Kenmare stehen auf dem Plan. Mein Gerät sagt, der Kerry Way fängt offiziell südlich am Ende von Killarney an. Frances will am Muckross House vorbei, der glücklicherweise am Weg liegt. Ein altes in Privatbesitz und großem Park, der direkt an ein Naturschutzgebiet angrenzt, dass wir im Anschluss durchqueren. Und ich muss sagen, die Iren können Parks, aber wie. Eine Menge Familien bevölkern die großen Wiesen, auf denen 300 Jahre alte, gewaltige Bäume wachsen. Der Kerry Way führt hinauf bis auf 400m in die Berge und die Leute verschwinden. Es wird ruhig und 1 Stunde später könnte man meinen auf Grönland zu sein. Kein Haus, die Bäume verschwinden und die Zivilisation reduziert sich auf einen Trampelpfad durch Farnhaine, Moosüberwucherten Sträuchern und Hecken. Hier ist wohl nicht immer Sonne. Alles wuchert in Erwartung von Luftfeuchtigkeit. Überall plätschern kleine Bäche in Richtung der vielen Kerbtäler. Bis kurz vor Kenmare überqueren wir so eine nahezu menschenleere Hochebene, bis schließlich ein Feldweg hinabführt zu einer Ortschaft inmitten vieler Bäume, direkt am Fjord gelegen, der die Halbinsel abgrenzt, die die nächste Woche unser zu Hause sein wird. Auch die bekannten, aufgemotzten Papperesidenzen mit Wachhund tauchen wieder auf. Am Ortseingang steht ein Lidl. Darin ein Hauch von Heimat mit fünffachen Preisen. Tank auffüllen und dann ein B&B suchen. Campen wäre ja auch ne Option aber och nöö... Wir finden ein puppenhausähnliches Häuschen mit typischem englischen Spießercharme. Der gesprächige Besitzer entlarvt mich sofort als Deutschen. Frances nicht. Ich würde mich scharf wie ein Holländer anhören. Nun gut, 18 Tage bleiben noch, um daran etwas zu ändern. Apropos Spießer... mir fällt so langsam das Fable der Iren für Schilder auf. Und wenn Schild, dann auch bitte mit so viel Text wie möglich. Die Verhaltensregeln für das Naturreservat passen gerade so auf ein Din-A-3 großes Warnschild, für das man sich gerne 10 Minuten hinsetzen darf. Und warum ein durchgestrichenes Hottehü darstellen, wenn man doch auch ,,NOTICE: Pony riding is strictly prohibited in this area" in weißen Kapitälchen auf dunkelgrünem Grund mit Schnörkelrahmen und kleinem, stilisierten Herrenhaus darüber schreiben kann. ,,Fire Meeting Point"-Schilder schmücken viele Vorgärten, sodass die Besitzer sich im Falle seines Feuers wartend vor ihrem Einfamilienhaus sammeln können. ,,Wrong way. TURN BACK." ist mein persönlicher Favorit, neben 80km/h Schildern auf einspurigen Feldwegen. Aber das ganze scheint sich am Ende doch positiv auf die Leute auszuwirken. Die Umgebung sauber halten funktioniert auch ohne Dosenpfand. Wirklich jeder Autofahrer grüßt uns und man kommt sehr schnell mit den Leuten ins Gespräch.
Frances schläft schon. Ich werde auch müde. Zeit ins altrosafarbene Blümchenbett zu kriechen...




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